Zum Thema ‘Bildungspolitik’

Schulbauten als Lernraum und Lebensraum



Schule ist noch immer ein mehr oder minder geschlossener Raum, der von der realen Lebenswelt isoliert wird, sodass sich Schule als pädagogischer Machtraum darstellt. Das bedeutet, dass entweder die Kinder und Jugendlichen zu einer Weltflucht gezwungen oder im regelpädagogischen Sinn kaserniert werden sollen. In diesen Raumentwürfen wird an der Einschließung von Kindern und Jugendlichen im schulischen Raum und damit an der bestehenden Schulpflicht festgehalten. Die Beibehaltung der Schulpflicht ist entweder Schutz der Kinder und Jugendlichen vor den Einflüssen der modernen Kultur im außerschulischen Raum oder eben ein Schutz der Gesellschaft vor denen, die noch nicht erwachsen sind und damit auch noch keine Aufenthaltsgenehmigung in der Erwachsenenkultur besitzen (Böhme & Herrmann, 2011, S. 143).

Eine Schule, die ein Lern- und Erfahrungsraum für Kinder und Jugendliche sein will, die wirksame und nachhaltige Lern- und Bildungsprozesse ermöglichen und systematisch fördern soll, muss der architektonischen Gestaltung des Raumes ein hohes Augenmerk schenken. Kein Mensch, also auch nicht SchülerInnen oder LehrerInnen, befindet sich im Raum wie ein Gegenstand in einer Schachtel, und ein Mensch verhält sich auch nicht so zum Raum, als ob er als raumloses Subjekt vorhanden wäre, sondern das Leben besteht ursprünglich in einem Verhältnis zum Raum und kann davon nicht abgelöst werden (vgl. Bollnow 1963, S. 23). Schulbauten spiegeln dabei in gewisser Weise auch eine bestimmte Vorstellung der Pädagogik bzw. Erziehung und Unterricht wieder. Jedoch wird auch heute noch Schulbauten bzw. der architektonischen Ausgestaltung von Schulen zu wenig Bedeutung beigemessen, obwohl Schulen als langjähriger Arbeitsort bzw. Lebensort gelten und das Schulklima, das Sozialverhalten, die Leistungsbereitschaft und die Arbeitsfreude positiv beeinflussen können. Schulbauten haben letztlich großen Einfluss darauf, wir sich in einer Schule das Lernen gestaltet und wie Lernprozesse ablaufen, um vor allem den Anforderungen moderner Lernformen zu entsprechen. Dabei muss nach Ansicht von Experten eine Modernisierung der Lernräume aber nicht unbedingt mit einem Neubau des Schulgebäudes einhergehen, denn oft kann bereits dessen Umgestaltung viel bewirken, etwa die Schaffung von durch mehrere Klassen genutzte gemeinsame offene Lernlandschaften mit Sitzinseln, Thinktanks wie Medienstationen und flexiblem Mobiliar. Vor allem sollte man die strikte Trennung zwischen Lern-, Versorgungs- und Erholungszonen aufheben, um Räume mehrfach flexibel nutzen zu können und auch zum Lernen an bisher ungewöhnlichen Orten ermutigen. Auch wenn durch selbst organisiertes Lernen der Schülerinnen und Schüler auch die Ruhe verloren geht und Lehrerinnen und Lehrer nicht wie im Klassenzimmer als abgeschirmtem Lernraum stets alles verfolgen können, werden Schülerinnen und Schüler befähigt, auch in rauschreichen Umgebungen fokussiert arbeiten zu können, was diesen später in ihrer beruflichen Laufbahn zugutekommen kann. So kann in einem Schulgebäude ein großer Marktplatz in der Mitte eines Schulgebäudes flexibel von allen genutzt werden, ebenso wie Freiräume in einem großzügig gestalteten Terrassen- oder Balkonbereich.


Kritisches: “Nehmen wir das selbst organisierte, individualisierende Lernen, etwa die Lernlandschaften. Das wird momentan sehr einseitig gepusht, obwohl längst nicht alle Lehrer, Erziehungswissenschaftler und Kinderpsychologen davon überzeugt sind. So wird daran gezweifelt, dass beispielsweise Neunjährige ihr eigenes Lernen selber managen und über zehn Tage einteilen können. Hier stellt sich auch die Frage, wie weit die teilautonom geleiteten Schulen selber über neuartige Schulversuche entscheiden können, wenn es mehr sein soll als nur ein Schulversuch. Solche abweichenden Modelle gibt es ja bis anhin vor allem an Privatschulen. Für eine Privatschule entscheiden sich Eltern aber bewusst. Wenn aber die Privatschule von gestern die öffentliche Schule von morgen ist, muss vorher eine politische Diskussion stattfinden.”


Literatur

Bollnow, O. F. (1963). Mensch und Raum. Stuttgart.
Böhme, J. & Herrmann, I. (2011). Schule als pädagogischer Machtraum. Typologie schulischer Raumentwürfe. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.
Hammerer, F. & Renner, C. (2005). Die finnische Grundschule Karonen koulu. Zeitschrift Erziehung & Unterricht, 7-8, S 150-169.
https://www.pressetext.com/news/20170706029 (17-07-06)
https://www.stangl.eu/paedagogik/artikel/karonen-koulu.shtml (14-12-21)
http://daten.schule.at/dl/Hammerer,_Franz__Renner,_Clara_Lernen_als_raeumliche_Erfah_.pdf (14-12-21)
Interview mit Roger von Wartburg in der bz vom 5. Februar 2015.
WWW: https://www.bzbasel.ch/basel/baselbiet/die-lehrer-haben-bei-der-umsetzung-gesehen-dass-es-da-und-dort-hapert-128799860 (15-11-21)



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Die Evaluation der Neuen Mittelschule (NMS)



Die Studie “Evaluation der Neuen Mittelschule” wurde zu gleichen Teilen von einem Konsortium der Johannes Kepler Universität Linz (Leitung: Univ.-Prof. Dr. Herbert Altrichter, Univ.-Prof. Dr. Johann Bacher) und der Universität Salzburg (Leitung: Univ.-Prof. Dr. Ferdinand Eder) durchgeführt. Von Seiten der JKU waren an der inhaltlichen Ausarbeitung die KollegInnen Dr. Christoph Helm, Mag. David Kemethofer, Maja Pocrnja und Prof. Dr. Herbert Altrichter (Institut für Pädagogik und Psychologie) sowie Prof. Dr. Johann Bacher und Mag. Heinz Leitgöb (Institut für Soziologie) beteiligt.

Die Zusammenfassung zielt darauf ab, die Zielsetzungen, das Design und den Ablauf der NMS-Evaluierung so zu beschreiben, dass die anschließend berichteten Ergebnisse im Kontext ihrer Entstehung interpretiert werden können. Insgesamt handelt es sich um eine freie Zusammenfassung der Einzelanalysen, aus denen sich der Evaluationsbericht zusammensetzt; im Text wird jedoch nicht mehr gesondert auf diese verwiesen.

Die offizielle Zusammenfassung der Projektergebnisse findet sich hier zum Download: Evaluation der Neuen Mittelschule (NMS). Befunde aus den Anfangskohorten (pdf-Datei 570 MB)



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Nainas Twitter-Kurzschluss



Auf ihrem Twitter-Account hat die 17-jährige Naina am 10. Januar um 13.49 Uhr ins World Wide Web geschrieben: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ‘ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ Binnen weniger Stunden lesen Tausende diesen Tweet im Netz und binnen kurzer Zeit wurde der fast 12 000-mal geteilt und rund 21 500-mal favorisiert. Darüber hinaus hat Nainas Beitrag eine Diskussion darüber ausgelöst, inwiefern es überhaupt Aufgabe einer Bildungseinrichtung sein kann und muss, auf derlei Alltagsprobleme vorzubereiten. Wie weit geht der Aufgabenbereich der Schule, wann kommen die Eltern ins Spiel und wo fängt die Eigenverantwortung an?

Aus pädagogischer Sicht liegt hier ein großes Missverständnis in bezug auf schulische Ausbildung vor, denn eine Jugendliche, die in der Lage ist eine Gedichtanalyse in vier Sprachen zu schreiben, ist sicherlich in der Lage, sich das Wissen zu Steuern, Miete oder Versicherungen in kurzer Zeit anzueignen bzw. die notwendigen Informationen zu finden, am leichtesten vermutlich mit Hilfe des Internet. Hingegen ist es äußerst unwahrscheinlich, dass eine an Steuern, Miete oder Versicherungen ausgebildete Schülerin dazu fähig ist, eine Gedichtanalyse in vier Sprachen zu schreiben.

Siehe dazu Das exemplarische Lernen – das Wesen der genetischen Didaktik.



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