Kategorie-Archiv: Buchempfehlung

Schulische Bildung als großer Bluff

Psychologen, die sich mit der Frage nach besserer Bildung beschäftigen, haben längst erkannt, dass SchülerInnen viel mehr wissen könnten, wenn sie weniger lernen müssten. Die Schule in der westlichen Welt und ausgreifend auf andere Kulturen versucht, ein schon absurd hochgezüchtetes Ideal von Wissen und Bildung umzusetzen, , denn sie schafft das nur bei einigen wenigen SchülerInnen, während man bei einem großen Rest akzeptiert, dass diese im Wesentlichen nur mit Fleiß und hohem Aufwand Leistungennur mehr vortäuschen.

Weil zu viel Überflüssiges gelernt werden muss, bleibt das Mögliche wie die elementaren Grundfertigkeiten auf der Strecke, etwa das Rechnen, um Fehler in computererstellten Rechnungen zu finden oder Dreisatzaufgaben zu lösen und Zinsentwicklungen abzuschätzen; Lesen, Verstehen und Erstellen von Texten verschiedener Art bis hin zu Formularen und Kurven; Lernen lernen durch eigenständiges oder angeleitetes Üben und Training, um mit und ohne Lehrer die Herausforderungen der Alltagswelt für sich selbst zu entdecken, zu verstehen und zu beherrschen. Nur 1% des Lehrstoffs, der in den Lehrplänen der meisten Fächer steht, wird dafür wirklich gebraucht und genauso wenig geübt wie die 99% Spezialwissen, das nicht in die Schule gehört.


Sozialpsychologie des Schulalltags: Grundlagen und Anwendungen

Erziehung und Bildung in der Schule gelingen nur bei guter Zusammenarbeit von Lehrenden, Lernenden, Erziehungsberechtigten, Sozialarbeitern, Psychologen usw. Doch oft belasten Fremdheit und Konflikte die Atmosphäre. Dieses Buch von Gisela Steins führt in das Gebiet der Sozialpsychologie des Schulalltags ein und richtet sich schwerpunktmäßig an alle Personengruppen, die im schulischen Kontext arbeiten oder sich auf pädagogische Berufe vorbereiten.

Der erste Abschnitt lässt zum Einstieg Schülerinnen und Schüler ihre Alltags­probleme mit der Schule referieren, und verweist darauf aufbauend auf die Wirkung von Alltagstheorien, die man in ihrer reduktionistischen und stereotypisierenden Art kennen sollte. Daraus leitet sie in das wis­senschaftliche Denken über, denn gute Theorien liefern für komplexe Situationen eine Metaebene, die Distanz zu den Verwicklungen des Alltags bei den Beteiligten erzeugen kann. Steinverweist dabei auf die Notwendigkeit der empirischen und auch der idiographischen und qualitativen Methoden, zumal bei psychologischen Fragestellungen die varianten­reiche Subjektivität der Individuen einbezogen werden muss, um menschliche Handlungen zu verstehen.

Den nächste Abschnitt widmet sich den praktischen Theorien für die Schule, also Theorien, die für schulisches Zusammenleben für zentral sind, etwa die Per­sonenwahrnehmung, das Problem von Konformität und Macht, Attributionstheorien, die sozial-kognitive Lerntheorie, die Selbst­aufmerksamkeitstheorie, die Theorie der symbolischen Selbstergänzung, die Reaktanztheorie und die Emotions­theorien. Dabei werden  immer wieder Bezüge zum konkreten Schulalltag hergestellt und plausible Erklärungen und Lösungsvorschläge in der konkreten Praxis angebo­ten.

Ein weiterer Abschnitt des Buches setzt sich exemplarisch mit aktuellen Herausforderungen im Schulleben auseinan­der, wobei die im zweiten Teil referierten  Theorien jetzt auf dem Prüfstand hinsichtlich ihrer Praxistauglichkeit stehen. Das beginnt mit der Besprechung problematischen Schülerverhaltens wie Rauchen auf der Toilette, Mobbing, Beleidigungen von Lehrpersonen. Die normativen Vorgabe des gegenseitigen Respekts als Leitlinie des Zusammenlebens wird ebenso angesprochen wie die soziale Erziehung oder eine geschlechtergerechte Didaktik.


Evaluation von Hochschullehre und Feedback

HochschullehrerInnen orientieren sich heute deutlich stärker als frühere Generationen an Bedürfnissen der Studierenden, wobei sich Lehrende vor allem dann in qualifizierter Lehre engagieren, wenn sie einen wertschätzenden Umgang bei den Studierenden vermuten. In einer Untersuchung von Kluge & Schüler (2013) beurteilten Studierende die Lehre in standardisierten Evaluationsbögen, wobei zusätzlich festgehalten wurde, wie diese Urteile auf die Lehrenden wirken. Dabei zeigte sich, dass negatives Feedback nicht zu einer erhöhten Anstrengungsbereitschaft führt, vielmehr gab es jede Form von Beziehung zwischen Beurteilung und Konsequenzen: Jemand mit negativem Feedback strengt sich weniger an, jemand mit positivem Feedback strengt sich weniger an, jemand mit positivem Feedback strengt sich mehr an, und jemand mit negativem Feedback strengt sich mehr an – oder alle strengen sich genauso an wie bisher … Studentische Veranstaltungsbeurteilungen sollten vor allem eine Grundlage für eine eventuell erforderliche Beratung von Lehrenden bilden, wobei folgende Aspekte relevant erschienen:

  • Die Studierenden-Fragebögen sollen theoretisch haltbar und psychometrisch überprüft sein.
  • Der Studierenden-Fragebogen sollte mit einem analogen Dozenten-Fragebogen korreliert werden, um die Fremd- und Selbsteinschätzungen vergleichen zu können.
  • Zusätzliche Informationsquellen, z.B. Videobeobachtung, können hilfreich sein.
  • Nicht selten verfügen Lehrende über ungünstige Einschätzungen ihrer Lehrkompetenz. Hier bietet es sich an, ungünstige Ursachenerklärungen durch motivationsförderliche Erklärungen zu ersetzen und aufzuzeigen, mit welchen Maßnahmen diese Faktoren entwickelt werden können.
  • Als effektiv hat es sich erwiesen, wenn einige wenige Aspekte der Lehre ausgewählt werden und sich die Dozenten dafür Verbesserungsziele setzen.
  •  Zusätzlich zur Expertenberatung sind Diskussionsmöglichkeiten in einer Gruppe von Lehrenden sinnvoll.

Siehe dazu auch Feedbackmöglichkeiten in universitären Lehrveranstaltungen.

Literatur
Kluge, A. & Schüler, K. (Hrsg.). Qualitätssicherung und Entwicklung in der Hochschule: Methoden und Ergebnisse. Pabst.