Verpetzen zur Aufrechterhaltung von Normen

24. Juli 2018 – 09:52

Verpetzen ist eine Form des psychischen Mobbings und stellt in der Regel ein negativ konnotiertes Verhalten von Kindern und Jugendlichen dar, wobei es dabei um verraten bzw. ausplaudern von ihnen anvertrauten Geheimnissen geht. Von SchülerInnen wird unter Petzen bzw. Verpetzen das Melden unerwünschten Verhaltens an eine Autoritätsperson, etwa an LehrerInnen oder Eltern bezeichnet. Petzende Kinder gelten oft als Verräter oder Spaßbremsen und sind in ihrem Umfeld unbeliebt. Wenn Kinder petzen geht es aber nicht nur darum, die eigene Haut zu retten, sondern oft auch um den Versuch, sich an soziale Regeln zu halten, wobei Kinder beim Verpetzen zum Ausdruck bringen, dass ihre Mitmenschen das auch tun sollen. Schon im Alter von drei Jahren schwärzen Kinder andere Kinder an, die ih­rer Meinung nach etwas Unrechtes getan haben. Manchmal geht es dabei darum, die eigene Haut zu retten, wenn etwa das petzende Kind selbst in den Verdacht geraten könnte, etwas Verbotenes getan zu haben. Wenn Kinder petzen, wird das oft auch von Erwachsenen als unerwünsch­tes Verhalten angemahnt, doch unter bestimmten Bedingungen geht es Kindern auch darum, Normen durchzusetzen, was für das Zu­sam­men­leben in Gruppen durchaus auch positive Seiten hat. Dabei wird von Kindern schon zwischen leichten und schweren Vergehen unterschieden, denn erwarten Kinder Ärger für ihre Gruppe, halten sie eher dicht und verraten die oder den Übertäter nicht.

In sozialen Systemen und vor allem in der Wirtschaft spricht man oft von Whistleblowing, wenn etwa eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter eines Unternehmens gegenüber seinem Arbeitgeber oder einem Dritten tatsächliche oder vermeintliche Missstände im Unternehmen bzw. ein Fehlverhalten von KollegInnen oder Vorgesetzten meldet. Ursprünglich kommt Whistleblowing aus dem anglo-amerikanischen Rechtsraum, denn dort sind Hinweisgeberprogramme, bei der Mitarbeiter etwaige Missstände im Unternehmen melden können und sollen, weit verbreitet. In nicht seltenen Fällen bekommen Whistleblower manchmal von Behörden sogar hohe Belohnungen. Während Whistleblowing in vielen Ländern gesellschaftlich akzeptiert ist, besteht in Mitteleuropa teilweise aus historischen Gründen oder auch aus Angst um das Betriebsklima hohes Misstrauen gegenüber solchen Systemen.

Cornell et al. (2011) zeigten übrigens in einem kuriosen Experiment, dass Krähen durch Verpetzen lernen. Dazu setzte sich ein Forscher eine Neandertalermaske auf, fing mit dieser Verkleidung einige Krähen auf dem Campus ein und ließ sie nach kurzer Zeit wieder frei. Wenn in der Folge Menschen mit Neandertalermasken am Campus herumgingen, beschimpften 26 Prozent der Krähen diese als Bösewichte. Als zweieinhalb Jahre später wieder Menschen mit Neandertalermasken am Campus auftauchten, waren bereits 66 Prozent der Vögel alarmiert, fünf Jahre später verpetzten die Maskenträgerinnen sogar Krähen, die vor fünf Jahren noch gar nicht geboren waren, d. h., sie wussten bereits, dass Lebewesen mit Neandertalermasken böse sind

Literatur

Cornell, H, N., Marzluff, J. M. & Pecoraro, S. (2011). Social learning spreads knowledge about dangerous humans among American crows. Proc Biol Sci, doi:10.1098/rspb.2011.0957.
Stangl, W. (2014). Mobbing in der Schule.
WWW: http://www.stangl.eu/psychologie/entwicklung/mobbing.shtml (2014-07-24).
Yucel, N. M. & Vaish, A. (2017). Young children tattle to enforce cooperative norms. Society for Research in Child Development Biennial Meeting, Austin, TX.



Lehren und Lernen im digitalen Zeitalter: TOOLBOX LEHRERBILDUNG

22. Juli 2018 – 17:31

Die Technische Universität München hat ein frei zugängliches Onlineportal für die Ausbildung von LehrerInnen gestartet. die auf die konkrete Schulpraxis der MINT-Fächer abgestimmt ist, unter anderem mit Videos aus dem Unterricht. Die Plattform steht sowohl Aus- und Fortbildungseinrichtungen als auch (angehenden) Lehrkräften kostenlos zur Verfügung und ist Teil der Qualitätsoffensive Lehrerbildung von Bund und Ländern. Die Toolbox gibt es zunächst für die Fächer Mathematik und Informatik. Ein wichtiges Mittel der Lerneinheiten sind Videos, die Szenen aus dem Unterrichtsgeschehen nachstellen. Auch Tutorials gibt es als Video, interaktive Visualisierungen veranschaulichen komplexe mathematische Themen. Wesentliche wissenschaftliche Erkenntnisse werden ebenso vermittelt wie Anwendungsbeispiele. Mit Tests können die Nutzerinnen und Nutzer ihren Lernfortschritt prüfen. Die Module sind unabhängig voneinander für verschiedene Zwecke und in jeder Phase von Studium und Beruf nutzbar.

Wie erkläre ich meinen Schülerinnen und Schülern den Satz des Pythagoras? Wie vermittle ich der Klasse die Beurteilung von Beweisen? Wie gebe ich den Jugendlichen wirksames Feedback zu ihren Leistungen? Diese Fragen aus der Unterrichtspraxis zeigen: Lehrerinnen und Lehrer müssen fachliche, fachdidaktische und pädagogische Kompetenzen haben. In ihrer Ausbildung lernen sie diese drei Felder zumeist getrennt voneinander. In der Wirklichkeit ihres Berufes dagegen lassen sich die Fragen nicht trennen – im Gegenteil sind die verschiedenen Kompetenzen oft in ein und derselben Situation gefordert.

2017 ging bereits das „Clearing House Unterricht“ der TUM School of Education online, das den aktuellen Stand der Bildungsforschung verständlich und übersichtlich zusammenfasst. Auch dieses Portal steht für die Lehramtsaus- und -fortbildung kostenfrei zur Verfügung.

Link: https://toolbox.edu.tum.de/



Die Sprache der Mathematik

25. Juni 2018 – 13:43

Viele mathematische Aufgaben bestehen aus zum Teil ziemlich auf Grund einer notwendigen Exaktheit aus kompliziert formulierten kleinen oder längeren Texten. Diese Textaufgaben erfordern natürlich auch die Fähigkeit, die Aufgabenstellung sprachlich sehr genau zu verstehen, wobei verbal formulierte Verhältnisse, Beziehungen und Kausalitäten erfasst und dann erst in ein mathematisches Problem umgewandelt werden müssen. Ein Schüler oder eine Schülerin, die in der Sprache wenig geübt ist, hat bei einer solchen Aufgabe, besonders unter dem Druck einer Prüfung, ein ziemliches Problem. Viele Kinder scheitern deshalb an Mathematik, weil sie die dabei verwendete Sprache nicht so gut beherrschen, obwohl sie durchaus mathematisch begabt sind.

Zahlreiche Probleme im Mathematikunterricht resultieren auch daraus, dass viele Begriffe und Aussagen im Alltag eine andere Bedeutung besitzen als in der Mathematik, etwa die Begriffe Menge oder Lösung. Doch nicht nur unterschiedliche Verwendungen solcher Begriffe bereiten SchülerInnen Probleme, sondern auch im Alltag selten verwendete Wörter, denn viele Aufgabenstellungen in Mathematik beginnen mit „Löse … !“, „Berechne … !“, „Vereinfache … !“ Diese Begriffe kommen in der Umgangssprache praktisch in dieser Form nicht vor.

Weitere Herausforderungen im Mathematikunterricht erleben SchülerInnen bei der Lösung von Sachaufgaben, denn die Szenarien sind häufig nicht der Erlebenswelt der Kinder entnommen, sondern gehören zur Erwachsenenwelt (Ratenzahlungen, Vertrag). Man sollte beim Mathematikunterricht daher die Alltagssprache immer wieder in die Mathematiksprache übersetzen und umgekehrt, d. h., welche mathematische Operation muss durchgeführt werden, wenn etwas hinzukommt, wegkommt, mehr wird, weniger wird usw. Zusätzlich enthalten Schulbücher häufig Texte, die SchülerInnen sowohl von der Begriffsverwendung als auch von der Grammatik überfordern.

Der Mathematiker Günter M. Ziegler legte 2016 in einem WIRED-Interview dar, dass wir in einer mathematisierten Welt leben, denn für Zugfahrpläne, Big Data, Verschlüsselung, sichere Kommunikation mit der Bank ist Mathematik nötig. Allerdings hat das, was man in der Schule an und über Mathematik lernt, fast nichts damit zu tun. Das Bild, das viele Menschen von Mathematik haben, aber auch das Bild, das Lehrer und Lehrerinnen in der Schule vermitteln, passt eher ins 19. Jahrhundert, und die Vielfalt dessen, was Mathematik heute ist, die Vielfalt der Teildisziplinen, die Vielfalt der Fragestellungen, der Forschungsrichtungen, der Anwendungsmöglichkeiten, wird in der Schule gar nicht vermittelt. Die Mathematik in der Schule beschränkt sich zu einem viel zu großen Teil auf das, was auch erklärt werden kann, also wie man lineare Gleichungssysteme von zwei Gleichungen und zwei Unbekannten auflöst, das kann zwar mit der Zeit jeder verstehen und das wird dann auch erklärt und gerechnet. Allerdings sollte aber auch vermittelt werden, wie Mathematik in das Leben eingreift, wie etwa ein Wetterbericht berechnet wird, eben nicht durch Gleichungen mit zwei Unbekannten, sondern 50.000 Unbekannte wie die Temperatur, die Windrichtung und die Windgeschwindigkeit an den Messstationen. Auch ist der Anteil an der großen Wissenschaft Mathematik, der in der Schule bearbeitet wird, dass man ihn versteht, nur ein winziger Ausschnitt eines riesigen Wissengebietes.

Fazit: Einerseits besteht in der Öffentlichkeit eine hauptsächlich durch die Bildungsinstitutionen vermittelte Abwehr gegenüber der Mathematik, andererseits kommt der Mathematik zum Verständnis der uns umgebenden Welt eine wachsende Bedeutung zu, und stellt darüber hinaus auch eine Schlüsselkompetenz für weiterführende Studien im berufsbildenden und universitären Sektor dar. Kaum eine Berufsausbildung oder eine Studienrichtung kommt heute ohne elementare mathematische Kenntnisse aus, dennoch stellt der aktuelle Mathematikunterricht weltweit immer noch eine entscheidende Bildungshürde für viele Kinder und Jugendliche dar. Daher werden zur kontinuierlichen Entwicklung des Lehrens und Lernens von Mathematik zahlreiche innovative Konzepte entwickelt, die auf die Verbesserung des Mathematikunterrichts abzielen, wie etwa interdisziplinärer und projektartiger Unterricht oder die Integration von Unterrichtsbeispielen mit Bezügen zu Alltag und Wissenschaft.


In einem Interview in der Badischen Zeitung vom 30. Juni 2018 erklärt Albrecht Beutelspacher, Leiter des Museums „Mathematikum“, warum Mathematik vielen Menschen so kompliziert erscheint. Nach seiner Ansicht ist diese für viele sehr abstrakt und weit weg von dem, was man so kennt. Dass viele Menschen Probleme mit Mathematik haben liegt an zwei Dingen: „Zum einen ist da die mathematische Sprache: Bruchstriche, Klammern, Pluszeichen… Das ist, als würde man eine neue Sprache mit ganz fremden Regeln lernen müssen. Zum anderen hat Mathematik viel mit Denken und Vorstellen zu tun, da muss man sich drauf einlassen.“ Damit Mathematik mehr Spaß macht, sollte man erkennen, dass man durch eigenes Denken etwas herauszufinden kann. Dabei muss man also etwas verstehen wollen und bereit sein, ein bisschen dabei nachzudenken, denn man bekommt Lösungen nicht durch Probieren heraus, sondern muss irgendwann die richtige Idee haben. Wichtig sind dabei die mathematischen Begriffe, d. h., es ist sinnvoll, diese zu lernen und auch mit anderen drüber zu reden, gemeinsam zu überlegen und Ideen zu entwickeln. „Es hilft auch, sich draußen umzuschauen: Kreise, Linien, rechte Winkel, Parallelen – unsere Umwelt ist voller Mathematik. Wenn man das einmal im Kopf hat, sieht man auch mehr.(…) Mit ein paar guten Mathekenntnissen hat man einfach mehr vom Leben.“


Literatur & Quellen

https://www.wired.de/collection/science/warum-wir-mehr-ahnung-von-mathe-brauchen-das-wired-interview (16-07-12)
https://www.uni-hamburg.de/presse/pressemitteilungen/2016/pm60.html (16-07-18)
http://www.badische-zeitung.de/neues-fuer-kinder/wie-eine-neue-sprache–154077608.html (18-06-30)



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