Geschichte

Freie Alternativschulen

Alternativschulen können auf eine lange Geschichte zurückblicken, wobei das Internat Summerhill im Zuge der Reformpädagogik im Jahre 1921 in England gegründet worden war. Eine zweite Gründungswelle gab es im Zuge der Studentenbewegung in den 1970er Jahren, als auch in Berlin einige Alternativschulen gegründet wurden. Die jüngste Gründungswelle etwa seit Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts kann auf eine Krise im staatlichen Bildungssystem zurückgeführt werden. Freie Alternativschulen, die in der angloamerikanischen Diskussion auch democratic schools genannt werden, haben viele verschiedene konzeptionelle Ausrichtungen, die oftmals individuell weiterentwickelt wurden. Was sie jedoch konzeptionell verbindet, ist der kindzentrierter Zugang zu Bildung, die geteilte Entscheidungsfindung, die Öffnung der Schule hin zur Gemeinschaft und gleichberechtigte Lehrer-Schüler-Beziehungen. Kinder können in solchen Schulen selbstständig und selbstregulierend ihre Realität erkunden und möglichst ihren aktuellen Bedürfnissen entsprechend leben. Einschränkungen werden dabei nicht von Erwachsenen autoritär auferlegt, sondern sind nur nach gemeinsamem Aushandeln auf gleichberechtigter Ebene und durch Verzicht von Strafe möglich.
Nach Schimpke (2007, S.15) wird eine Beziehung zwischen einem Elternteil und einem Kind dann als gleichberechtigt verstanden, wenn beide Partner grundsätzlich nach denselben Spielregeln miteinander umgehen, die in einer engen Beziehungen zwischen Erwachsenen üblich sind. Folgende Regeln (oder Normen) gehören dazu:

  • Selbstbestimmung eigener Angelegenheiten. Entscheidungen, die nur für eine Person (sei es das Kind oder der Elternteil) und für niemanden sonst Konsequenzen haben und die dieser Partner selbst treffen möchte, stehen auch diesem Partner zu.
  • Mitbestimmung gemeinsamer Angelegenheiten. Entscheidungen, die für mehrere Personen Konsequenzen haben, werden auch von diesen Personen gemeinsam getroffen, soweit sie sich an diesem Prozess beteiligen möchten.
  • Gleichwertigkeit der Bedürfnisse. Im Prozess der Entscheidung über solche gemeinsamen Angelegenheiten wird Bedürfnissen nicht bereits deshalb mehr oder weniger Bedeutung beigemessen, weil sie beim Kind oder beim Elternteil liegen. Alle Bedürfnisse sind grundsätzlich gleich wichtig, egal, wer sie hat.
  • Vertrauensvorschuss. Beide Partner unterstellen dem anderen ein Interesse an einer befriedigenden Beziehung. Entsprechend gehen sie davon aus, dass er/sie die Absicht hat, die Bedürfnisse des Gegenübers angemessen zu berücksichtigen und sich kooperativ zu verhalten. Man begegnet sich mit diesem quasi positiven Vorurteil, das erst bei gegenteiligen Erfahrungen themenspezifisch, und meist auch nur zeitweise, außer Kraft gesetzt wird.

Siehe dazu auch Reformpädagogik und Alternativschulen

Literatur
Borchert, Manfred & Maas, Michael (Hrsg.) (1998). Freie Alternativschulen – Die Zukunft der Schule hat schon begonnen. Bad Heilbrunn/Obb.: Klinkhardt-Verlag
chimpke, Patrick (2007). Gleichberechtigte Eltern-Kind-Beziehungen: Ein Sekundär-Review zu den Effekten. VDM Verlag Müller.




Was ist die Reformpädagogik?

Im gesamten europäischen Raum fand Ende des 19. Jahrhunderts eine enorme technische Entwicklung statt, wobei die Industrialisierung jedoch neben Fortschritt Wohnungsnot, soziale Widersprüche, Arbeitslosigkeit und eine Änderung sozialer Lebensformen mit sich brachte. Auf diesem Hintergrund suchte man auch im Bildungsbereich nach neuen Wegen. Sowohl die Landerziehungsheimbewegung, geprägt durch Personen wie Hermann Lietz, Paul Geheeb oder Gustav Wyneken, die Jena-Plan-Schule nach Peter Petersen, als auch die Arbeitsschule nach Kerschensteiner, basierten auf ähnlichen pädagogischen Ideen und sollten den „Verfallserscheinungen“ der Jugend entgegenwirken:

  • Ausgangspunkt war die Kulturkritik mit ihrer Ablehnung gegenüber den starren Formalismen der herbartianischen Konzentrationspädagogik, dem Prinzip der Allgemeinbildung, der autoritären Disziplinierung und dem Berechtigungswesen der preußischen Schule.
  • Zentrale Bedeutung hat das von Rousseau geprägte Bild vom Gärtner und seiner Blume. In diesem Prozess erzieht die Natur (sowohl die natürliche Umgebung als auch die menschliche Biologie) die Schüler selbst, der Erzieher übernimmt die Rolle des Gestalters dieser natürlichen Umgebung.
  • Nicht mehr nur kognitives Wissen, sondern vielmehr psychomotorische und affektive Lernziele spielen eine wesentliche Rolle.
  • Gemeinschaftserziehung rückt in den Vordergrund, denn Gemeinschaft und Individuum beeinflussen sich gegenseitig.
  • Wesentlich für das Lernen sind nach Erlebnis, Augenblick, Unmittelbarkeit, Gemeinschaft, Natur, Echtheit und Einfachheit.



Pädagogisches Bildarchiv: Erziehen, Lehren, Lernen

[ Thema: Erziehen, Lehren, Lernen ]Das Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit in Krems an der Donau hat zahlreiche pädagogische Sachverhalte betreffende Bilder in der Sammlung des Instituts unter dem Ordnungsbegriff „Erziehen, Lehren, Lernen“ erfasst und damit ein tragfähiges Fundament für ein Pädagogisches Bildarchiv gelegt.
Die Bildungsforschung in Österreich wird nämlich in Hinkunft nicht auf die Analyse und Interpretation der Erziehung und Unterricht zuordenbaren Bilder verzichten können, will sie mit dem in einigen Ländern bereits erreichten Standard gleichziehen oder diesen gar übertreffen. Diese Bilder vermögen nicht nur Elemente der Schulwirklichkeit, wie Situation des Schülers, Tätigkeit des Lehrers, Lernort, Lernmethode usw., anschaulich zu machen und den Informations- und Erkenntnisstand der historischen Pädagogik zu erweitern, sie tragen auch zum Verständnis der zeitgenössischen Texte und Dokumente bei – stellen diese manchmal in Frage oder relativieren deren Aussagen – und führen gelegentlich zu ganz neuen Einsichten.

Link: http://www.imareal.oeaw.ac.at/real-t1/lehren.html (08-08-08)