Behandlungskonzept für Rechenschwäche

Dienstag, Oktober 14th, 2008

Rechenschwäche bei Vor- und Grundschul-Kindern: ein neues erfolgreiches Behandlungskonzept

So unterschiedlich die Ursachen einer Rechenschwäche sind, so differenziert muss das Unterrichts- und Therapiekonzept sein. Dr. Hendrik Simon (Universität Köln) hat ein solches entwickelt und über mehrere Jahre erprobt. Er repetiert mit den leistungsschwachen Kindern nicht den obligaten Stoff, sondern verbessert ihre Ressourcen. Das Konzept und dessen Anwendung beschreibt Simon in seinem Paperback „Interventionen bei Störungen des Erwerbs arithmetischer Konzepte“.  Eine wichtige Rolle spielen für den Pädagogen u.a. Lernhilfsspiele. Sie eignen sich v.a. zur Motivation: „Kinder lassen sich besonders gut mit Aufgaben motivieren, in denen sie – für sich selbst erkennbar – bereits deutliche Fortschritte gemacht haben. Oft sind dies Aufgaben, die Handlungskonzepte ansprechen und die den Kindern am Anfang der Therapie nicht gut gelungen sind. Durch weitergehende Ideen kann man diese Übungen sinnvoll ausbauen, so dass die (ehemals schwach ausgeprägten) Handlungskonzepte weiter gestärkt werden.
Eine zusätzliche starke Motivation ergibt sich daraus, wenn man mit dem Kind über den Schulstoff hinausgeht. Dabei handelt es sich in der Regel um eine Ausweitung der Konzeptlandschaft des Kindes:“ Zu einem noch nicht behandelten mathematischen wird ein situationsspezifisches Konzept aufgebaut; dafür eignet sich v.a. materialgestütztes Rechnen in einem höheren Zahlenraum oder handlungsgestütztes Dividieren bereits in der zweiten Klasse.
Für den Erfolg sind auch die Eltern mitverantwortlich, postuliert Simon. Wenn er z.B. Lernhilfsspiele neu einführt, werden die Eltern angelernt, die Lehrerrolle zu übernehmen. „Gegebenenfalls muss der Elternteil instruiert werden, welche Elemente der zu entdeckenden Strategie innerhalb des Spiels gegenüber dem Kind auf gar keinen Fall erwähnt werden sollen. Die Einschätzung der Zuverlässigkeit der Eltern ist eine wichtige Fähigkeit der Lehrperson …“

Embodied cognition als Hilfe bei Dyskalkulie

In der Grundlagenforschung zur numerischen Kognition gilt als belegt, dass Zahlen entlang eines räumlich orientierten mentalen Zahlenstrahls repräsentiert werden. Diese Zahlenstrahlrepräsentation ist für komplexere Rechenprozesse von eminenter Bedeutung, da sie eine Basisvoraussetzung für Zahlenverständnis darstellt. Aufgrund der räumlichen Orientierung des mentalen Zahlenstrahls kann dieser durch die Perzeption numerisch-räumlicher Information aktiviert werden. Zusätzlich zeigen zahlreiche jüngere Studien, dass bei seiner Entwicklung auch senso-motorische Erfahrungen im Sinne einer verkörperlichten Kognition (embodied cognition) eine bedeutende Rolle spielen. Dennoch wurden körperliche Erfahrungen zur Förderung verkörperlichter Kognition bislang kaum für systematische Trainings- und Interventionsstudien eingesetzt. Im Rahmen des Projekts „Analyse und Förderung effektiver Lehr-Lern-Prozesse“ versucht man den Einsatz verkörperlichter Kognitionen im Individualtraining im Zusammenhang mit einem Transfer in die Praxis des schulischen Förderunterrichts.
Dabei wird in einem Projekt (Cress et al., 2010) die mentale Zahlenstrahlrepräsentation mithilfe einer digitalen Tanzmatte trainiert, die eine ganzkörperliche Erfahrung von Zahlengröße ermöglichen soll, um Kindern dabei zu unterstützen, eine robuste Zahlenstrahlrepräsentation aufzubauen. Die digitale Tanzmatte ist ein Eingabegerät, das ursprünglich für die PlayStation auf den Markt kam und auch für Computer verfügbar ist. Diese Matte besteht aus neun Feldern und war für ursprünglich Tanzspiele konzipiert, wobei die Eingabe mit dem ganzen Körper durch Hüpfen auf unterschiedliche Felder erfolgt.
In der ersten Projektphase wurden zunächst in einer Laborstudie die Einflüsse visuell-räumlicher Präsentationen und körperlich-räumlicher Eingabebewegungen untersucht, um die Wirkmechanismen für verkörperlichte Trainings zu identifizieren und zu isolieren. Darauf aufbauend wurden diese spezifischen Wirkmechanismen bereits in Interventionsstudien umgesetzt, in denen nicht nur der Zahlenraum junger Kinder erfolgreich erweitert werden konnte, sondern den Kindern auch ein Verständnis für die Integration von Zehner- und Einerstelle bei mehrstelligen Zahlen vermittelt wurde. Ein numerisches Training, in dem die Kinder sich auf der Tanzmatte bewegten, zeigte besonders bei einfachen Aufgaben wie dem Vergleich der Größe zweier Zahlen oder einstelliger Addition einen erhöhten Lernerfolg gegenüber einem Training derselben Aufgaben an einem Computer. Besonders Kinder mit Rechenschwäche können von solchen Trainings profitieren, da sie oft schon Probleme mit einfachen Aufgaben haben. Bewegte numerische Trainings verbessern zudem nicht nur das Zahlenverständnis von Kindern mit Rechenschwäche, sondern eröffnen ihnen darüber hinaus in einem spielerischen Ansatz einen positiven Zugang zum oft eher ungeliebten Unterrichtsfach Mathematik.Dies ist besonders bedeutsam, weil numerische Kenntnisse nicht nur zu den Schlüsselkompetenzen für den Schulerfolg, sondern auch im Alltags- und Berufsleben von zentraler Bedeutung sind.

In einer aktuellen zweiten Projektphase wird ein weiterer Schritt in Richtung Praxistransfer angestrebt, um die Wirkfaktoren der Trainingsbei der Entwicklung verkörperlichter Zahlenrepräsentationen herauszufinden, wobei in Interventionsstudien die Wirksamkeit verkörperlichter Trainings optimiert und ein Einsatz im Förderunterricht der Grundschule erprobt wird.

Literatur
Cress, U., Fischer, U., Moeller, K., Sauter, C., & Nuerk H. C.(2010). The use of a digital dance mat for training kindergarten children in a magnitude comparison task. In K. Gomez, L. Lyons, & J. Radinsky (Eds.), Learning in the Disciplines: Proceedings of the 9th International Conference of the Learning Sciences (ICLS 2010) (Vol. 1, Full Papers, pp. 105-112). Chicago, IL: International Society of the Learning Sciences.Fischer, U., Moeller, K., Cress, U., & Nuerk, H.-C. (2013). Interventions supporting children’s mathematics school success: A meta-analytic review. European Psychologist, 18, 89-113.
Link, T., Moeller, K., Huber, S., Fischer, U., & Nuerk, H.-C. (2013). Walk the number line – An embodied training of numerical concepts. Trends in Neuroscience and Education, 2, 74-84.



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Lehrer und Eltern

Freitag, Juli 11th, 2008

Eltern zeigen gegenüber LehrerInnen hinsichtlich ihrer Einstellung in der Regel zwei Varianten.

Manche Eltern aus den weniger privilegierten, so genannten „bildungsfernen“ Schichten erleben bei der Wiederbegegnung mit LehrerInnen eine Re-Aktivierung früherer Ängste und fühlen sich dann, wenn sie zum Elternabend oder zu einem Gespräch gebeten werden, zitiert und zensiert. Viele dieser Eltern fühlen sich nicht nur in der Begegnung mit LehrerInnen, sondern auch gegenüber ihren Kindern unsicher oder in Erziehungsfragen vollständig hilflos. Es ist außerordentlich bedeutsam, dass LehrerInnen in diesen Fällen die Chance erkennen, die Position dieser Eltern zu verstehen, Vertrauen aufzubauen, Angst auszuräumen und durch ein Bündnisangebot sowohl die Position der Eltern als auch die eigene pädagogische Position zu entlasten.
Manche Eltern aus der bürgerlichen, bildungsstarken Schicht reaktivieren bei der Begegnung mit LehrerInnen Revanchegefühle und meinen, ihren Kindern einen Dienst zu erweisen, wenn sie gegenüber der Schule eine chronisch-misstrauische Wächterposition einnehmen. Häufig kommt es hier gegenüber LehrerInnen zu Konkurrenzverhalten und Einmischungen in Fragen des Unterrichts. In diesem Fall ist es für Lehrkräfte wichtig, zwar zuzuhören, zugleich aber Kompetenz und Führungswillen zu zeigen, d.h. durch entsprechendes Auftreten (Sprache und Körpersprache) deutlich zu machen, dass man eine klare Vorstellung von dem hat, was man im Unterricht machen möchte und wie man es zu tun gedenkt.

Eltern Lehrer Beziehung Sprechtag Sprechstunde

Es ist also überaus wichtig, dass Lehrkräfte auf Elternabenden – aber auch bei anderen Begegnungen mit Eltern „auftreten“ und – insoweit es ihre professionelle Arbeit betrifft – nicht nur verstehen, sondern auch Führung zeigen.
Anstatt sich in die Defensive drängen zu lassen und die Begegnung mit Eltern weitestgehend zu vermeiden, sollten Lehrkräfte jede sinnvolle Gelegenheit nutzen, den Eltern ihrerseits deutlich zu machen, dass kein erfolgreicher Unterricht geleistet werden kann, wenn Eltern den Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule gegenüber ihren Kindern nicht vorbehaltlos unterstützen und Kinder nicht aktiv zur Einhaltung sozialer Spielregeln anhalten. Der Appell darf sich dabei nicht auf Fragen der Disziplin beschränken, sondern sollte weitergehen. LehrerInnen sollten, auf der Basis ihrer pädagogischen Expertenposition, darauf hinweisen, dass

  • Beachtung und Zuwendung eine der wichtigsten Voraussetzungen für die kindliche Motivation darstellen,
  • übermäßiger Medienkonsum einen erwiesenermaßen nachteiligen Effekt auf die Lernleistungen hat und
  • Kinder einen gesunden Tagesrhythmus haben sollten (z. B. mit einem Mindestmaß an Schlaf und einem morgendlichen, möglichst gemeinsam mit dem Kind eingenommenen kurzen Frühstück vor Schulbeginn).

Quelle:
Bauer, Joachim, Unterbrink, Thomas & Zimmermann, Linda (2008). Gesundheitsprophylaxe für Lehrkräfte – Manual für Lehrer-Coachinggruppen nach dem Freiburger Modell. Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie: Universitätsklinikum Freiburg.



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Geschichte der Kindererziehung

Mittwoch, Juni 25th, 2008

Was durch Erziehung bezweckt wird, hängt von den Persönlichkeitsidealen ab, die in einer Gesellschaft gelten. Vom diesem Gesichtspunkt aus betrachtet ist die Erziehung in erster Linie ein Mittel, um den Fortbestand einer Gesellschaft und ihrer Kultur zu sichern. Betrachtet man die Erziehung aber vom Individuum, d.h. von der Person des Zu-Erziehenden und ihrer Vervollkommnung aus, dann zeigt sich auch dabei, dass die als Ideal gesetzten psychischen Dispositionen nicht beliebig sind, sondern den im Lebensraum des Educanden jeweils geltenden Normen entsprechen. Erziehungsnormen, -einstellungen und -praktiken werden selbst als integrierender Bestandteil von Kulturen betrachtet und – unter einer solchen Annahme – als Determinante ihrer selbst. Das heißt, dass sich in verschiedenen Gesellschaften – im Sinne eines Gefüges von Menschen – unterschiedliche Erziehungsstile herausgebildet haben. Auf der Website Geschichte der Kindererziehung findet sich eine knappe Darstellung. Man kann dort lesen:
„Ab Mitte des 20. Jahrhunderts war als oberster Wert die Unterstützung und Förderung des Kindes bei der Entwicklung zu einer individuellen Persönlichkeit zu erkennen. Dies setzte ein gleichberechtigtes Verhältnis zwischen Eltern und Kindern voraus. Ein Machtgefälle mußte vermieden werden, da sich das Kind sonst nicht seiner persönlichen Art entsprechend entwickeln konnte. Im Rahmen dieser modernen Ideologie kam den Eltern die Rolle zu, dem Kind bei seiner persönlichen Entwicklung zu helfen. Disziplinierende Maßnahmen sollten unterbleiben, da sie das Kind nicht unterstützten und förderten, sondern es behinderten.“



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