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Die Phase vor dem Schuleintritt gilt in der entwicklungspsychologischen und pädagogischen Forschung unstrittig als ein fundamentales Zeitfenster für die menschliche Entwicklung. In den ersten sechs Lebensjahren werden neurobiologische und sozial-emotionale Fundamente gelegt, auf denen jegliches spätere schulische und lebenslange Lernen aufbaut. Wenn Pädagoginnen und Pädagogen heute in Grundschulklassen blicken, zeigt sich jedoch ein besorgniserregendes Bild: Rund ein Viertel aller Schulanfängerinnen und Schulanfänger weist deutliche Defizite in der sogenannten Schulbereitschaft auf. Dieser Begriff beschreibt längst nicht mehr nur die bloße Fähigkeit, einen Stift zu halten oder Buchstaben zu wiederholen, sondern umfasst ein komplexes Zusammenspiel aus kognitiven, sprachlichen, motorischen und vor allem exekutiven sowie sozial-emotionalen Kompetenzen. Fehlen diese Voraussetzungen, gerät der Start in die Bildungslaufbahn von Beginn an ins Stocken.
Ein Blick in den Schulalltag verdeutlicht rasch, wo die prägnantesten Lücken liegen. Besonders auffällig sind Defizite im Bereich der exekutiven Funktionen und der Selbstregulation. Lehrkräfte berichten vermehrt von Kindern, denen es schwerfällt, über einen Zeitraum von 15 Minuten ruhig auf einem Stuhl zu sitzen, einer mehrschrittigen Arbeitsanweisung zu folgen oder Impulse zu unterdrücken. Ein konkretes Beispiel aus dem Erstklässler-Alltag illustriert dies: Wenn im Kreisgespräch ein Kind etwas erzählt, schaffen es viele Klassenkameraden nicht mehr, abzuwarten, bis sie an der Reihe sind. Sie rufen dazwischen, stehen auf oder lenken sich durch Gegenstände auf dem Tisch ab. Hier fehlt es an der visuellen und auditiven Aufmerksamkeitssteuerung sowie am Arbeitsgedächtnis, das benötigt wird, um eine eigene Idee im Kopf zu behalten, während man einer anderen Person zuhört.
Ebenso gravierend zeigen sich Einschränkungen in den Basiskompetenzen der Sprache und Motorik. Im sprachlichen Bereich betrifft dies keineswegs nur Kinder mit Migrationshintergrund, sondern zusehends auch muttersprachlich deutsche Kinder. Viele Schulanfänger verfügen über einen verringerten Wortschatz, Schwierigkeiten bei der grammatikalischen Satzbildung oder Mängel in der phonologischen Bewusstheit – also dem Verständnis dafür, dass Sprache aus einzelnen Lauten aufgebaut ist, was die unabdingbare Voraussetzung für den Schriftspracherwerb darstellt. Auf motorischer Ebene führt der Wandel von Kindheitsumwelten dazu, dass grundlegende Bewegungserfahrungen fehlen. In der Praxis zeigt sich das, wenn Kinder beim Schleifebinden scheitern, den Stift im verkrampften Faustgriff halten oder Schwierigkeiten haben, auf einem Bein zu balancieren, was wiederum Rückschlüsse auf das Gleichgewichtssystem und die Raumorientierung zulässt.
Die Ursachen für diesen Wandel sind vielschichtig. Neben veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und medialen Einflüssen spielt die Qualität der frühkindlichen Bildung in Familie und Kindertagesstätten eine zentrale Rolle. Verpasst die vorschulische Phase die Förderung dieser Grundfertigkeiten, lässt sich dies in den Grundschuljahren nur unter enormem Aufwand kompensieren. Die empirische Bildungsforschung belegt seit Jahren eindrücklich, dass Frühförderung die effektivste Form der Bildungsintervention ist, um spätere Leistungsrückstände und soziale Ungleichheiten zu vermeiden.
Literatur
Standard, W., & Schmidt, M. (2018). Frühkindliche Entwicklung und Schulfähigkeit: Diagnostik und Förderung im Vorschulalter. Ernst Reinhardt Verlag.
Hasselhorn, M., & Gold, A. (2022). Pädagogische Psychologie: Erfolgreiches Lernen und Unterrichten (5. Aufl.). Kohlhammer.
Kammermeyer, G. (2020). Schulfähigkeit und Schuleintritt. In M. Stamm & D. Edelmann (Hrsg.), Handbuch Frühkindliche Bildungsforschung (S. 511–525). Springer VS.
National Institute of Child Health and Human Development (NICHD) Early Child Care Research Network. (2005). Pathways to reading: The role of oral language and phonological awareness. Developmental Psychology, 41(2), 428–442.
Roebers, C. M. (2017). Exekutive Funktionen: Von der neurobiologischen Grundlage zur pädagogischen Praxis. Hogrefe.
Stamm, M. (2014). Frühförderung als Bildungsversprechen: Zur Wirkung und Effizienz von Frühförderprogrammen. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 17(2), 241–259.
Tietze, W., Rossbach, H.-G., & Grenner, K. (2013). Kinder von 4 bis 8 Jahren: Zur Qualität der Erziehung und Bildung in Kindertagesstätten und Grundschulen. Beltz Juventa.
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