Mehrsprachigkeit – Chance oder Risiko?

Die Ansprüche an die Schule sind einem ständigen Wandel unterworfen. Gombos (2008, S. 10) meint, dass in Anpassung an die neuen Anforderungen nicht nur eine völlige Vereinheitlichung gefragt sei, sonder ein neues Verhältnis zwischen Vereinheitlichung und Differenzierung.
Umgelegt auf die Sprache bedeutet dies, dass Englisch als Einheitssprache an den Schulen sehr wichtig sein wird, jedoch auch die Mehrsprachigkeit und die Förderung der sprachlichen Vielfalt einen hohen Stellenwert bekommen wird.
Gombos (2008, S. 12) vermerkt, dass noch bis in die 60er Jahre Zweisprachigkeit dem Sittenverfall gleichgestellt wurde. Mittlerweile stellt man fest, dass Mehrsprachige gegenüber Einsprachigen Vorteile erzielen können.

Man ist zu der Einsicht gekommen, dass ein Mensch – und nicht nur ein besonders Begabter ein Leben lang eine Sprache lernen kann und ein früher Beginn große Vorteile bringen kann (Gombos 2008, S. 12).
„Die Europäische Union und der Europarat propagieren den plurilingualen Menschen, der neben der Staatssprache noch zwei weitere Sprachen sprechen soll […]“ (Gombos 2008, S. 11).
Grundlegende Ideen wurden vom Europarat im ‚Guide for the development of language education policies’ (Guide, MV) festgehalten.
Unter anderem wird Sprachenpolitik als Instrument zur Förderung der Mehrsprachigkeit gesehen. Es wird zwischen plurilingual (mehrsprachiger Sprecher) und multilingual (mehrsprachiges Gebiet) unterschieden (vgl. Guide, MV zit. nach Gombos 2008, S.11).
Die EU fördert das Erlernen mehrer Sprachen mit der Empfehlung neben der Muttersprache zwei weitere Sprachen zu unterrichten. Dies stellt wiederum die Herausforderung an die Schulen es zu ermöglichen, dass Immigranten die mitgebrachte Sprache weiter verwenden und zwei zusätzliche Sprachen lernen können (vgl. Guide, MV zit. nach Gombos 2008, S.11).

Vorteile der Mehrsprachigkeit aus entwicklungspsychologischer Sicht

– Kinder bis 4 Jahre haben optimale Voraussetzungen für das Erlernen von zwei oder mehr Sprachen.
– Kinder, die vor dem 11. Lebensjahr zwei Sprachen lernen, bauen ein neuronales Netzwerk auf, in welches sie eine 3. Sprache integrieren können. Wird die 2. Sprache erst nach dem 11. Lebensjahr erlernt, muss ein eigenes Netzwerk gebaut werden – dies ist schwieriger.
– Positiv wirkt sich ein früher Beginn der Mehrsprachigkeit auch auf die Fähigkeit aus, die Grammatik zu erlernen.
– Mehrsprachigen gelingt es besser die Aufmerksamkeit auf mehrere Dinge gleichzeitig zu richten und bestimmte Hirnaktivitäten zu unterdrücken (vgl. de Bleser 2006 zit. nach Gombos 2008, S. 14). Dieses beeinflusst die Konzentration positiv.

Vorteile der Mehrsprachigkeit aus gesellschaftspolitischer Sicht
– Mehrsprachigkeit fördert die Erhaltung, Pflege und Weiterentwicklung der verschiedenen Sprachen (vgl. Gombos 2008, S. 14).
– Umdenken an den Schulen in Richtung Mehrsprachigkeit kann dazu beitragen, den wirtschaftlichen Wert von mehrsprachigen Kompetenzen zu nutzen.

Nachteile der Mehrsprachigkeit
Davon betroffen sind vor allem Migranten und deren Kinder, da sie sich oft in einer schwierigen sozialen Lage befinden, die Sprachentwicklung der Erstsprache zumeist einem niedrigen Status entspricht und unvollständig entwickelt ist, und sie Abwertungs- und Diskriminierungserfahrungen machen müssen (vgl. Gombos 2008, S. 15).
– Migrantenkinder, die auf Grund des niedrigen Status der Erstsprache beschimpft werden, sind weniger erfolgreich.
– Kinder, die generell Angst haben sind weniger erfolgreich als jene mit Selbstvertrauen, da mit dem Erlernten bei späterem Abruf nicht kreativ umgegangen werden kann, wenn es unter Angst gelernt wurde (vgl. Spitzer 2005 zit. nach Gombos 2008, S. 15). „Positiv“ Gelerntes wird anders abgespeichert und somit langfristig behalten.
– Risiko dass die Erstsprache unzureichend gelernt wird, da weder qualitativ noch quantitativ das Angebot gegeben ist.

Erkenntnisse aus der vergleichenden Sprachforschung besagen allerdings auch, dass Menschen, die zweisprachig aufgewachsen sind, Wörter und deren Bedeutung nachweislich langsamer als einsprachig Aufgewachsene verarbeiten, die nur eine Muttersprache erlernt haben. Bilingualität erweist sich manchmal als kognitiv hinderlich, weil zu viele Wörter im Kopf herumschwirren. Diese Befunde können übrigens auch erklären, warum ältere Menschen vergesslich werden oder Studenten in Prüfungsphasen, wenn sie besonders viele Fakten lernen müssen, plötzlich zerstreut sind, denn das Gehirn ist durch die Fülle an Informationen überfordert. Jedoch:

Mehrsprachige Kinder sind kreativer

Mehrsprachig aufwachsende Kinder verfügen zwar im Durchschnitt pro Sprache über weniger Vokabeln als ihre Altersgenossen, benutzen häufiger unpassende Wörter oder falsche Satzkonstruktionen und wechseln während der Konversation öfter in eine andere Sprache. Doch diese schwierigen Kommunikationssituationen können auch von Vorteil sein, denn Studien haben gezeigt, dass Zweisprachigkeit auch einen Einfluss darauf hat, wie Kinder komplexe Situationen verstehen und mit ihnen umgehen. Offensichtlich sind zweisprachige Kinder aufgrund ihrer Erfahrungen mit schwierigen Kommunikationssituationen geübter darin, sprachliche Missverständnisse zu entdecken und zu korrigieren. Auch zeigt sich, dass bei Mehrsprachigen die Fähigkeit, flexibel zu assoziieren, erhöht ist, denn bei sprachlichen Kreativitätsaufgaben kommen sie signifikant häufiger zu  kreativen Lösungen (Wermelinger et al., 2017).

Aufmerksamkeit durch Zweisprachigkeit verbessert

Man hat herausgefunden, dass etwa zwei erlernte Sprachen im Gehirn bei der Interaktion mit der Umwelt  gleichzeitig aktiviert werden, d. h., mehrsprachige Kinder rufen immer zwei Wörter im Gehirn ab. Wenn also ein italienisches Kind, das auch Deutsch gelernt hat, einen Hund sieht, ruft es sowohl das italienische als auch das deutsche Wort für Hund ab. Bei Kindern, die zweisprachig aufwachsen, ist daher das Steuerungszentrum im Gehirn, das schließlich entscheidet, welches Wort in der jeweiligen Situation verwendet werden soll, besonders gut ausgeprägt. Das ist auch für den Alltag sehr hilfreich, wenn sehr viele Informationen gleichzeitig verarbeitet werden müssen. Mehrsprachige Kinder aber auch zweisprachige Erwachsene können zahlreiche Aufgaben auch dann besser ausführen, wenn Störreize vorhanden sind, denn sie haben gelernt, eine Sprache der beiden auszublenden, wenn sie nicht gerade benötigt wird, was auch auf Störreize angewendet werden kann. Mehrsprachige Kinder haben daher insgesamt weniger Probleme, ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren. Diane Poulin-Dubois (Concordia University, Montreal) stellte fest, dass die kognitiven Vorteile von Zweisprachigkeit auch viel eher einsetzen als in früheren Studien berichtet. Wer von klein auf eine zweite Sprache lernt, kann sich offenbar besser konzentrieren und wechselt einfacher zwischen unterschiedlichen Aufgaben. Dies gilt sogar schon für Zweijährige. Zweisprachige Kinder übertrafen ihre einsprachigen Peers bei Aufgaben, bei denen sie abgelenkt wurden, wobei dieser Vorteil vermutlich auf die Erfahrung der Kinder zurück geht, zwei Sprachen zu hören und beide anzuwenden. Kinder schon in frühen Entwicklungsstadien einer zweiten Sprache auszusetzen, liefert offensichtlich neben der Zweisprachigkeit auch den Vorteil, dass die Aufmerksamkeitskontrolle verbessert wird.

Gedächtnisabbau im Alter durch Mehrsprachigkeit verlangsamt

Nach neueren Untersuchungen fördert eine zweisprachige oder mehrsprachige Kindheit nicht nur bei der Verständigung, sondern das Umdenken zwischen den verschiedenen Sprachen, sondern sie fördert bis ins hohe Alter auch die Beweglichkeit von sprachunabhängigen Denkprozessen. Wie Gold et al. (2013) nachweisen konnten, schneiden ältere Menschen, die seit ihrer Kindheit zwei Sprachen nutzen, bei kognitiven Tests besser ab als einsprachig aufgewachsene. Bekanntlich sinkt mit zunehmendem Alter die Fähigkeit, sich an unbekannte oder unerwartete Situationen anzupassen, doch dieser Rückgang der kognitiven Beweglichkeit wird durch geistig anregende Aktivitäten wie eben das lebenslange Umschalten zwischen verschiedenen Sprachen verlangsamt. Alle Studienergebnisse weisen darauf hin, dass zweisprachige Senioren ihr Gehirn leistungsfähiger einsetzen und durch ihre bilingualen Fähigkeiten eine höhere Chancen auf eine bessere Denkleistung im Alter besitzen.

Istzustand in Österreich
– In Österreich herrscht der „monolinguale Habitus“ vor – die Schüler lernen in erster Linie Deutsch, ergänzend wird Englisch zumeist bereits ab der Volksschule unterrichtet. Weiters gibt es noch ein geringes Angebot der Sprachen anerkannter Volksgruppen (zwischen 1 – 9 %).
– Die Verteilung von nicht Deutschsprachigen ist regional sehr unterschiedlich und kann in Städten bis zu 100% erreichen.
– Es besteht das Risiko, dass Migrationskinder aufgrund von unzureichenden Deutschkenntnissen in Sonderschulen abgeschoben werden.
– Die österreichischen Schulen bewegen sich zwischen Ausländerpädagogik (Migranten als Zielgruppe) und interkultureller Pädagogik (alle Kinder als Zielgruppe).
– Die Herkunftssprache wird zu wenig gefördert obwohl sich dies positiv auf das Erlernen der deutschen Sprache auswirkt.
– Schüler werden zu stark nach dem beurteilt was sie nicht wissen/können als nach dem was sie mitbringen – „[…] der Schüler soll als ein ressourcenreiches Wesen und nicht als ein Mängelwesen betrachtet werden[…]“ (Gombos 2008, S. 18).

Von den Fremdsprachen, die man in der Schule gelernt hat oder von denen man bei frühen Auslandsaufenthalten einiges mitbekommen hat, scheint im späteren Leben oft nichts geblieben zu sein, doch wie nun festgestellt wurde, bewahrt das menschliche Gehirn offenbar über Jahrzehnte phonetische Reste auf, ohne dass man sich dessen bewusst ist. Britische Forscher testeten ProbandInnen, die in früher Kindheit Zulu oder Hindi sprechen konnten, und es zeigte sich, dass sie noch immer schwierige Laute dieser Sprachen ohne größere Mühe bilden konnten, obwohl sie glaubten, alles vergessen zu haben (Psychological Science 2009).

Literatur

Gold, Brian T. et al. (2013). Lifelong Bilingualism Maintains Neural Efficiency for Cognitive Control in Aging. The Journal of Neuroscience, DOI:10.1523/JNEUROSCI.3837-12.2013.
Gombos, Georg (2008). Mehrsprachigkeit zwischen Bildungschance und Bildungsrisiko. Erziehung und Unterricht. Österreichische Pädagogische Zeitschrift, 158, 10–19.
Onysko, A. (2016). Enhanced creativity in bilinguals? Evidence from meaning interpretations of novel compounds. International Journal of Bilingualism, 20 (3), 315–334.
Wermelinger, S., Gampe, A. & Daum, M.M. (2017). Bilingual toddlers have advanced abilities to repair communication failure. Journal of Experimental Child Psychology, 155, 84–94.






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