Zum Inhalt springen

Moderne Lehrerbildung: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit


Hören Sie hinein in die neueste Folge unseres Podcasts:
Empfehlen Sie unsere Podcasts weiter! 

Die Frage, wie angehende Lehrkräfte am besten lernen, guten Unterricht zu gestalten, ist angesichts ständiger Reformen im Bildungswesen von zentraler Bedeutung. Überraschenderweise zeigt ein genauerer Blick auf die Bildungslandschaft, dass es zwar unzählige theoretische Programme und Konzepte gibt, es jedoch an fundierter, langfristiger Forschung fehlt, die die tatsächliche Wirkung der Ausbildung misst. Häufig verlässt man sich auf bloße Befragungen von Studierenden und Lehrenden anstelle von handfesten Kompetenzmessungen. Um die Lehrerausbildung gezielt zu verbessern, braucht es jedoch ein klares Bild von den realen Anforderungen des Berufs und Modelle darüber, wie pädagogische Fähigkeiten schrittweise erworben werden.

Die Schule der Gegenwart steht vor völlig neuen Herausforderungen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die Schülerschaft ist extrem heterogen geworden, was sich in unterschiedlichen Herkunftskulturen, veränderten familiären Strukturen und stark variierenden Lernvoraussetzungen zeigt. Zudem haben digitale Medien den Alltag und die Kommunikation grundlegend verändert. Eine moderne Schule darf Wissen nicht mehr nur einseitig von oben herab vermitteln, sondern sie muss vielmehr ein Ort sein, an dem das Spektrum aller Begabungen – von lernschwachen bis zu hochbegabten Kindern – gefördert wird. Das Ziel ist ein verständnis- und lernorientierter Unterricht, der die Schülerinnen und Schüler dazu befähigt, selbstgesteuert zu lernen und neben reinen Fachinhalten auch soziale und metakognitive Fähigkeiten, also das „Lernen des Lernens“, zu entwickeln. In einer solchen Umgebung agieren Lehrkräfte nicht mehr als reine Wissensvermittler, sondern als Lernberater und Begleiter.

Die Realität zeigt jedoch oft einen Mangel an dieser Verständnisorientierung, denn häufig wird Unterricht zu starr an Lehrplänen ausgerichtet, ohne zu prüfen, ob das Wissen bei den einzelnen Kindern wirklich ankommt oder wie es mit deren Vorwissen verknüpft ist. Misserfolge von Schülern und Schülerinnen sind daher oft die Folge eines Unterrichts, der zu wenig auf die individuellen Lernprozesse eingeht.

Für die Lehrerausbildung bedeutet dies, dass angehende Lehrkräfte intensiv darin geschult werden müssen, Lernvorgänge verstehend zu beobachten, den Unterricht schülergerecht zu orchestrieren, Lernfortschritte professionell zu diagnostizieren und motivierende Lernumgebungen zu schaffen. Die Forschung zur Lehrerausbildung macht allerdings deutlich, dass dieser Kompetenzerwerb kein Selbstläufer ist, denn die meisten Studierenden bringen bereits feste, oft traditionelle und lehrerzentrierte Vorstellungen aus ihrer eigenen Schulzeit mit. Diese tief sitzenden Überzeugungen wirken in der Ausbildung wie ein Filter und verändern sich durch reine Theorievorlesungen kaum. Zudem hält sich hartnäckig der Mythos, das Talent zum Unterrichten sei eine reine Frage der Persönlichkeit und nicht erlernbar.

Ein großes Problem stellt das Dilemma zwischen der Theorie an der Hochschule und der Praxis in den Schulen dar. Während Dozierende das Praktikum als Erprobungsfeld für moderne Theorien sehen, geht es den Studierenden im realen Klassenzimmer oft nur um das bloße „Überleben“, d. h., aus Angst vor Fehlern greifen sie dann schnell in alte, lehrerzentrierte Muster zurück, was auf beiden Seiten zu Frustration führt. Die Ausbildung kann diese Blockaden nur durchbrechen, wenn sie gezielt an den Voreinstellungen der Studierenden ansetzt, in kleinen Gruppen arbeitet, eine intensive persönliche Begleitung bietet und Theorie und Praxis eng miteinander verzahnt.

Als Ausweg aus dieser Krise wird die Einführung klarer, überprüfbarer Berufsstandards gefordert, wobei sich ein professioneller Standard sich dadurch auszeichnet, dass er auf wissenschaftlichen Theorien beruht, empirisch geprüft ist, Qualitätskriterien erfüllt und in der Praxis auch tatsächlich ausführbar ist. Untersuchungen bestätigen, dass solche Standards erfolgreich erworben werden können, wenn die Ausbildung ein durchdachtes Lehr-Lern-Arrangement bietet. Besonders wirksam sind dabei Modelle, die theoretische Inputs direkt mit angeleiteten Übungen, praktischen Erfahrungen und anschließender gemeinsamer Reflexion verknüpfen. Um dies in der Realität umzusetzen, müssen die Ausbildungsinstitutionen jedoch Prioritäten setzen, eine Auswahl der wichtigsten Standards treffen und für eine enge, koordinierte Zusammenarbeit zwischen Hochschuldozierenden und den Lehrkräften an den Praktikumsschulen sorgen. Nur so kann die Lehrerausbildung den Sprung von der reinen Wissensvermittlung hin zu einer echten Professionalisierung schaffen.


Hören Sie hinein in die neueste Folge unseres Podcasts:
Empfehlen Sie unsere Podcasts weiter! 

Impressum ::: Datenschutzerklärung ::: Nachricht ::: © Werner Stangl ::: Psychologische Neuigkeiten für Pädagogen :::

Schreibe einen Kommentar