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Was versteht man unter den Drawing-Effekt?


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Unter dem Drawing-Effect Zeichnungseffekt – versteht man in der pädagogischen Psychologie das Phänomen, dass das aktive Zeichnen von Lerninhalten zu einer signifikant besseren Gedächtnisleistung und tieferem Verständnis führt als das bloße Aufschreiben, Lesen oder Betrachten von Informationen. Entgegen der verbreiteten Annahme, dass diese Methode nur für künstlerisch begabte Personen vorteilhaft sei, belegen aktuelle Forschungen, dass die positiven Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten unabhängig vom zeichnerischen Talent eintreten.

Der Kern dieses Effekts liegt darin, dass beim Zeichnen mehrere Kodierungsebenen – die visuelle, die motorische und die semantische – miteinander verknüpft werden, was die neuronale Verankerung im Gedächtnis verstärkt. Eine wegweisende Untersuchung der University of Waterloo aus dem Jahr 2016 unter dem Titel „The Drawing Effect: Evidence for Reliable and Robust Memory Benefits in Free Recall“ verdeutlichte diese Überlegenheit: Probanden, die Begriffe zeichneten, konnten sich im freien Abruf an etwa doppelt so viele Informationen erinnern wie jene, die die Begriffe lediglich schriftlich festhielten.

Diese Robustheit des Effekts wurde unter anderem 2024 durch eine Studie aus Reykjavik bestätigt, die aufzeigte, dass das Zeichnen insbesondere dann seine Stärke ausspielt, wenn zwischen dem Lernen und dem Abrufen der Informationen ein längerer Zeitraum liegt. Besonders bemerkenswert ist hierbei, dass Kinder mit Defiziten im Wortgedächtnis überproportional stark vom Zeichnen profitieren, da es ihnen einen alternativen, non-verbalen Zugang zur Speicherung bietet.

Auch im Bereich der naturwissenschaftlichen Bildung zeigt sich der Nutzen deutlich: Kinder, die komplexe Konzepte durch Skizzen darstellen (z. B. den Wasserkreislauf oder Zellstrukturen), erzielen bessere Lernergebnisse als jene, die sich auf rein schriftliche Erklärungen stützen. Über die reine Wissensvermittlung hinaus fördert das Zeichnen die allgemeine Kommunikation und die Erinnerung an autobiografische Ereignisse. Forschungen von Richard Jolley und Sarah Rose verdeutlichen, dass Kinder präzisere verbale Berichte über erlebte Ereignisse abgeben können, wenn sie diese während des Erzählens zeichnerisch darstellen – ein Effekt, der sogar bei Ereignissen nachweisbar ist, die bereits ein Jahr zurückliegen.

Die pädagogische Psychologie empfiehlt daher, das Zeichnen nicht nur als bloße Freizeitbeschäftigung bei schlechtem Wetter zu betrachten, sondern als essenzielles kognitives Werkzeug. Für die Praxis bedeutet dies, dass Eltern und Lehrkräfte Kinder dazu ermutigen sollten, Lerninhalte in eigenen Bildern auszudrücken, wobei die gemeinsame Auseinandersetzung mit der Zeichnung und das begleitende Gespräch den Lernerfolg und den Spaß an der Tätigkeit zusätzlich steigern.

Eine umfassende Meta-Analyse mit dem Titel „Zeichnen als Mittel zur Darstellung von Erinnerung und Kognition“ aus dem Jahr 2025 unterstreicht abschließend, dass das Zeichnen eine fundamentale Brücke zwischen Wahrnehmung und langfristiger Speicherung schlägt und somit eine der effizientesten Lernstrategien in der kindlichen Entwicklung darstellt.

Literatur

Jolley, R. P., & Rose, S. E. (2024). The developmental benefits of drawing for children’s communication, memory and learning. World Economic Forum.
Óttarsdóttir, U. G. (2024). Experiments on the efficacy of drawing for memorization among adults and children with varying written word memory capacities: A two-way crossover design. Education Sciences, 14(5), 470.
Raettig, N. (2025). Zeichnen als Mittel zur Darstellung von Erinnerung und Kognition: Eine Meta-Analyse zu den kognitiven Auswirkungen grafischer Repräsentation. Psychologie Heute Academic Press.
Schmeck, A., Mayer, R. E., Opel, S., & Leutner, D. (2014). Why sketching may aid learning from science texts: Contrasting sketching with written explanations. Educational Psychology Review, 26(2), 299–324.
Wammes, J. D., Meade, M. E., & Fernandes, M. A. (2016). The drawing effect: Evidence for reliable and robust memory benefits in free recall. Quarterly Journal of Experimental Psychology, 69(9), 1752–1776.


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