Hören Sie hinein in die neueste Folge unseres Podcasts:
Empfehlen Sie unsere Podcasts weiter!
In den Klassenzimmern der Gegenwart hallt ein Satz wie ein Mantra wider: „Wofür brauche ich das später im echten Leben?“ Ob es um die Kurvendiskussion in der Mathematik, die Gedichtanalyse im Deutschunterricht oder die chemischen Bindungskräfte geht – Schüler fordern heute eine unmittelbare, fast schon konsumorientierte Anwendbarkeit des Wissens. Diese Frage nach der „Rerage nach der „Relevanz“levanz“ ist jedoch bei genauerer Betrachtung ein kategorialer Fehler. Sie verkennt, dass das Ziel der schulischen Bildung nicht primär in der Akkumulation von Faktenwissen besteht, sondern in der Transformation des menschlichen Geistes. Der konkrete Stoff ist lediglich das Hantelgewicht im Fitnessstudio des Intellekts; es ist völlig unerheblich, ob die Hantel aus Eisen oder Gummi besteht, solange sie den Muskel fordert.
Die eigentliche Funktion der Schule liegt im Erwerb von Metakompetenzen: Konzentration, Frustrationstoleranz, analytisches Systemdenken und die Fähigkeit, sich komplexe, fremde Strukturen zu eigen zu machen. Wenn ein Schüler lernt, eine lateinische Partizipialkonstruktion zu dechiffrieren, trainiert er nicht seine Fähigkeit, im Supermarkt Latein zu sprechen. Er trainiert die Fähigkeit seines Gehirns, Muster zu erkennen, logische Abhängigkeiten zu verstehen und eine Aufgabe methodisch zu Ende zu führen. Diese kognitive Disziplin ist im „realen Leben“ – einer Welt, die sich technologisch und sozial schneller wandelt, als Lehrpläne gedruckt werden können – die einzige wahre Währung. Wer gelernt hat, wie man lernt, ist adaptiv. Wer nur gelernt hat, was er für „nützlich“ hielt, ist veraltet, sobald sich die Definition von Nützlichkeit verschiebt.
Dieser moderne Drang zur Sinnhaftigkeit der Inhalte ist jedoch kein Zufall, sondern das Ergebnis eines tiefgreifenden soziologischen Wandels in der Struktur pädagogischer Autorität. In früheren Generationen war die Sinnhaftigkeit des Lernens weitgehend axiomatisch gesetzt. Die Schule als Institution und der Lehrer als Stellvertreter einer kulturellen Ordnung besaßen eine unhinterfragte Autorität. Man lernte, weil es die gesellschaftliche Norm war, weil Gehorsam eine Tugend war und weil man dem Urteil des Systems vertraute, dass dieser Weg zu einem „gebildeten Menschen“ führe. Das Lernen war ein Selbstzweck, eingebettet in ein festes Hierarchiegefüge, in dem der Sinn nicht individuell ausgehandelt, sondern kollektiv akzeptiert wurde.
Heute hingegen erleben wir eine Erosion dieser institutionellen Autorität. In einer Gesellschaft der Individualisierung und des Konsums ist der Schüler zum „Kunden“ von Bildung geworden, der für seine investierte Zeit und Mühe einen unmittelbaren „Return on Investment“ verlangt. Motivation muss heute intrinsisch oder durch extrinsische Relevanznachweise erzeugt werden, da der bloße Verweis auf die Tradition oder die Macht der Institution nicht mehr greift. Das hat zur Folge, dass Lehrer oft in eine Rechtfertigungsrolle gedrängt werden, in der sie versuchen, abstrakte Bildungsinhalte mühsam in den Alltag der Schüler zu übersetzen. Doch dieser Versuch, alles „lebensnah“ zu gestalten, verwässert oft den eigentlichen Bildungswert. Er suggeriert, dass nur das lernenswert sei, was man morgen anfassen kann. Damit wird der Horizont der Schüler nicht erweitert, sondern auf ihr bereits bestehendes Weltbild verengt.
Der Wert des „unnützen“ Wissens liegt gerade in seiner Fremdheit. Bildung ist der Prozess, durch den das Individuum über seine unmittelbare Betroffenheit hinauswächst. Wer fordert, Schule müsse sich am „realen Leben“ orientieren, meint meistens: Schule solle sich am aktuellen Arbeitsmarkt oder an der privaten Alltagsbewältigung orientieren. Doch das ist ein verkürztes Verständnis von Leben. Das reale Leben besteht auch aus der Fähigkeit, komplexe politische Debatten zu verstehen, moralische Dilemmata zu reflektieren und die Schönheit abstrakter Strukturen zu genießen. All das erfordert einen geschulten Geist, der nicht nur auf Sicht fährt.
Die Debatte um den „praxisfernen“ Schulstoff geht daher an der pädagogischen Realität vorbei. Die Schule ist kein Training für spezifische Handgriffe, sondern ein Ort der geistigen Formung. Dass Schüler heute eine explizite Sinnstiftung für jeden Lernschritt verlangen, ist ein Symptom für den Verlust einer selbstverständlichen Lernkultur. Wir sollten den Mut haben, die Irrelevanz der Inhalte zu verteidigen – nicht, weil Wissen unwichtig wäre, sondern weil der Prozess des Ringens mit der Materie das eigentliche Ziel ist. Nur wer gelernt hat, sich mit Dingen zu beschäftigen, die ihn auf den ersten Blick nicht interessieren, besitzt die Freiheit, sich in einer komplexen Welt lebenslang selbst zu steuern.
Literatur
Hentig, H. von. (2004). Bildung: Ein Essay. Weinheim: Beltz.
Liessmann, K. P. (2006). Theorie der Unbildung: Die Irrtümer der Wissensgesellschaft. München: Piper.
Reckwitz, A. (2017). Die Gesellschaft der Singularitäten: Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp.
Fend, H. (2006). Geschichte des Bildungswesens: Der Weg in die Wissensgesellschaft. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Dweck, C. S. (2017). Mindset: Changing the way you think to fulfil your potential. London: Robinson.
Hören Sie hinein in die neueste Folge unseres Podcasts:
Empfehlen Sie unsere Podcasts weiter!
Impressum ::: Datenschutzerklärung ::: Nachricht ::: © Werner Stangl ::: Psychologische Neuigkeiten für Pädagogen :::