Der Einfluss der Familie auf den Erwerb von Lesekompetenz

Unter Lesekompetenz versteht man das Entziffern von Buchstaben, Wörtern und Sätzen und darüber hinaus die Fähigkeit, das Gelesene auch zu verstehen. Die Lesemotivation und das Leseverhalten sind von der Häufigkeit des Lesens abhängig. Des Weiteren wird durch häufiges Lesen ein größerer Wortschatz erworben, das auch wiederum zu einer besseren Lesekompetenz führt.

Unterscheidung von Struktur-, Prozess- und Individuellen Merkmalen
Laut McElvany, Becker und Lüdtke können familiäre Einflüsse hinsichtlich struktureller und prozessualer Aspekte unterschieden werden. Strukturelle Einflüsse beziehen sich eher auf den Erwerb von Lesekompetenz, wo hingegen bei den prozessualen Aspekten eher der Prozess des Lernens im Mittelpunkt steht. Unter Strukturmerkmalen verstehen die Autoren dieses Artikels die sozioökonomische Lage der Familie (Einkommen, Besitz), das Bildungsniveau der Eltern (Schulabschluss) und den Migrationshintergrund (deutsche Muttersprache ist von Vorteil) (2009, S.122). Zu den Prozessmerkmalen zählen hauptsächlich die kulturellen Ressourcen (Buchbesitz in der Familie), lesebezogene kulturelle Praxis (familiäre Kommunikation allgemein und konkret über Gelesenes, Besuch einer Bücherei), lesebezogene Einstellung der Eltern und die elterliche Kompetenz in Bezug auf Leseförderung (2009, S.122).

Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass der familiäre Hintergrund, von Strukturmerkmalen und Prozessmerkmalen geprägt, bedeutend für die weitere Schulzeit ist (vgl. Hurrelmann, 2004; McElvany, 2008; querschnittlich am Ende der Pflichtschulzeit siehe Baumert et al., 2003 zit. nach McElvany, Becker & Ludtke, 2009, S. 123). Zu den individuellen Merkmalen gehören nach Meinung der Autoren die Lesemotivation, das Leseverhalten und der Wortschatz. Nach Annahmen der Leseforschung beeinflussen Strukturmerkmale und Prozessmerkmale die individuellen Merkmale. Die Prozessmerkmale sollten korrelieren und die Lesekompetenzentwicklung eines Kindes vorhersagen können (2009, S. 123).
In der vorliegenden Studie wird die Leseentwicklung von Kindern im Längsschnitt von der 3. bis zur 6. Jahrgangsstufe unter Berücksichtigung von individuellen, Struktur- und Prozessmerkmalen auf das Lesen untersucht. Es werden Daten von 772 Schülerinnen und Schülern aus 22 Berliner Grundschulen unterschiedlicher Bezirke analysiert, die im Schuljahr 2002/2003 54 verschiedene dritte Klassen besuchten. Zu Beginn der Datenerhebung waren die Schüler neun oder zehn Jahre alt. Die Aspekte der familiären Strukturmerkmale werden analysiert. Der sozioökonomische Status wird anhand der Berufsangaben der Eltern untersucht. Als Bildungsstand der Eltern wurde ihr Schulabschluss verwendet. Der Migrationsstatus wurde festgestellt, in dem man die Schüler gefragt hat, welche Sprache bei ihnen zu Hause gesprochen wird. Die Aspekte der familiären Prozessmerkmale werden unter folgenden Gesichtspunkten betrachtet. Kulturelle Ressourcen beziehen sich auf den Buchbesitz der Eltern bzw. des Kindes (2009, S. 124). Unter dem Aspekt kultureller Praxis, werden Fragen über Gespräche und Aktivitäten in Bezug auf Bücher und Bibliotheken gestellt („Gehen deine Eltern oft mit dir in eine Bücherei?“). Dann werden noch Fragen bezüglich der elterlichen Einstellung zum Lesen gefragt und schlussendlich wird auf die elterliche Förderinkompetenz eingegangen. Bei den individuellen Merkmalen wird die Lesemotivation, Leseverhalten und Wortschatz der Kinder analysiert (2009, S. 125). Die Lesekompetenz wird mit Hilfe von Multiple-Choice-Verständnisfragen festgestellt (2009, S. 125).
Die familiären Prozessmerkmale werden durch vier Faktoren der familiären Lesesozialisation gebildet (kulturelles Kapital, kulturelle Praxis, lesebezogene Einstellung der Eltern und die elterliche Förderinkompetenz). Diese vier Faktoren bedingen sich gegenseitig. Nur die Förderinkompetenz korrelierte weniger mit der kulturellen Praxis (2009, S. 126). Des Weiteren konnten die Autoren feststellen, dass die Strukturmerkmale und die Prozessmerkmale zusammenhängen. Der Buchbesitz der Eltern steht im engen Zusammenhang mit allen drei Strukturmerkmalen. Sozioökonomischer Status und das Bildungsniveau der Eltern waren vorhersagbar für die vorhandenen Bücher und tendenziell auch für die lesebezogene Einstellung der Eltern. Auch lesebezogene Gespräche und Aktivitäten gewannen mit steigendem elterlichem Bildungsniveau an Intensität. Die elterliche Inkompetenz zur Förderung der Kinder war vor allem in den Familien stark vorhanden, die nicht Deutsch als Familiensprache sprechen (2009, S. 126). Bei genauerem Vergleich der Prozessmerkmale mit den individuellen Merkmalen zeigte sich, dass Bücher als kulturelle Ressourcen den Wortschatz und die Lesekompetenz der Kinder signifikant beeinflussen und auch mit dem Leserverhalten der Kinder in Zusammenhang stehen. Es wurden allerdings keine direkten Verbindungen von familiären Strukturmerkmalen zu Lesemotivation und Leseverhalten festgestellt (2009, S. 127). Man konnte belegen, dass die Strukturmerkmale und die Prozessmerkmale das Leseverhalten der Kinder beeinflussen. Das Leseverhalten wiederum ist bedeutend für die spätere Lesekompetenz (2009, S. 130).
Abschließend verdeutlichen die Autoren ihre Ansicht, dass es von den Familien abhängig ist, in denen Kinder aufwachsen, ob sie Zugang zu Büchern oder die Möglichkeit zu anderen literarischen Aktivitäten haben. Kinder mit wenig fördernden Aktivitäten werden größere Schwierigkeiten im Kompetenzerwerbsprozess haben, als Kinder, die von ihren Eltern stark gefördert werden (2009, S. 130).

Literatur
McElvany, N., Becker, M. & Lüdtke, O. (2009). Die Bedeutung familiärer Merkmale für Lesekompetenz, Wortschatz, Lesemotivation und Leseverhalten. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 41 (3), 121-131.








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