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Schon Angela Duckworth & Martin Seligman kamen in einer Studie, in der sie 140 Kinder mit einem Durchschnittsalter von 13 von Beginn des Schuljahres an beobachteten, zu dem Schluss, dass Selbstdisziplin für den Erfolg wichtiger ist als Intelligenz. Im Herbst machten sowohl die Kinder als auch deren Eltern und Lehrer Angaben über ihre Selbstdisziplin, etwa wie gut sie Regeln befolgten oder wie sehr sie ihre Gefühle im Griff hatten: Das Ausmaß der Selbstdisziplin sagte voraus, wie gut die Noten der Kinder am Ende des Schuljahres waren, und das zuverlässiger als ihr Intelligenzquotient. Eine Langzeitstudie (Dunedin Multidisciplinary Health and Development Study in New Zealand ) von Terrie E. Moffitt et al. (2011), in der man den Charakter und den Lebensweg von rund 1000 Menschen von ihrer Geburt bis ins Alter von 32 Jahren verfolgt hatte, belegte sogar, dass sich Gesundheit, Wohlstand und soziale Lebensumstände bei den Menschen deutlich günstiger entwickeln, wenn sie schon als Dreijährige vergleichsweise viel Selbstbeherrschung zeigen. Hingegen neigten Menschen, die im Kleinkindalter durch mangelnde Selbstkontrolle auffallen, später verstärkt zu Drogensucht, Kriminalität und Verarmung und leiden stärker unter gesundheitlichen Folgen eines ungesunden Lebensstils.

Doch ist der Grad der individuellen Selbstdisziplin kein Schicksal, sondern lässt sich beeinflussen, wobei Programme zur Förderung von selbstkontrolliertem Verhalten bei Kindern helfen könnten, in denen Eigenschaften und Verhaltensweisen, die den Grad der persönlichen Selbstkontrolle widerspiegeln, wie Frustrationstoleranz, Beharrlichkeit, Sorgfalt, Geduld und Bedachtsamkeit geübt werden können. Unabhängig von der Intelligenz und der sozioökonomischen Herkunft zeigten sich charakteristische Parallelen im Lebenslauf: Je niedriger der Wert für die Fähigkeit zur Selbstkontrolle im Alter von drei Jahren gewesen war, desto häufiger kam es im späteren Leben zu Problemen jedweder Art, darunter gesundheitliche Schwierigkeiten wie Übergewicht, sexuell übertragbare Erkrankungen und sogar Zahnprobleme. Ähnliches gilt für die Häufigkeit von Drogenproblemen, Kriminalität und der Neigung, sich zu verschulden, aber auch ungewollte Schwangerschaften und eine hohe Quote an Schulabbrechern waren typisch für die Gruppe, die schon als Dreijährige bei den Beurteilungen wenig Selbstkontrolle hatten. Dieser Zusammenhang bestätigte sich in einer Zwillingsstudie (Environmental-Risk Longitudinal Twin Study) bei einen Vergleich von 500 zweieiigen Zwillingen aus Großbritannien, bei denen trotz des gleichen Familienhintergrundes und Alters auch hier der Zwilling, der als Kind weniger selbstbeherrscht gewesen war, im späteren Leben eher eine Neigung zu problematischen Verhaltensweisen zeigte.

Forscher des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung haben 2013 in einer Studie nachgewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der Prozentsatz übergewichtige Kinder im Fach Mathematik einen Einser oder einen Zweier bekommen, im Vergleich zu normalgewichtigen Kindern um mindestens zehn Prozent niedriger liegt. Es gibt daher einen Zusammenhang des Body-Mass-Index von SchülerInnenn mit deren Schulnoten, womit auch der Übertritt aufs Gymnasium zusammenhängt, denn auch der gelingt übergewichtigen Heranwachsenden seltener. Dabei besteht der negative Effekt des Übergewichts auf die Schulleistungen unabhängig vom sozialen Status der Familie, aus der die betroffenen Buben und Mädchen kommen. Ob es sich dabei um einen Attribuierungseffekt der Eltern und LehrerInnen handelt, die den fülligen Kindern negative Eigenschaften zuschreiben, kann damit aber nicht eindeutig geklärt werden.

Der Grad der Selbstkontrolle und damit auch die späteren Chancen lässt sich aber beeinflussen, denn einige Studienteilnehmer schafften es nämlich, ihre Selbstbeherrschung mit zunehmendem Alter zu verbessern, und waren im Erwachsenenalter erfolgreicher, als ihre ursprüngliche Beurteilung im Alter von drei Jahren hatte erwarten lassen. Demnach könnten Erziehungsprogramme und Konzepte zur Stärkung von selbstbeherrschtem Verhalten hilfreich sein, um die Entwicklung gesellschaftlich negativer Verhaltensweisen einzudämmen, schließen die Forscher daraus. So wurde das „Knowledge is Power“-Programm von Mike Feinberg und Dave Levin 1994 in San Francisco nach dem Motto „Sei nett und fleißig“ an Schulen eingeführt, von denen 80 Prozent der Absolventen anschließend den Sprung auf die Universität schafften. KIPP-Schulen wurden übrigens vorrangig in Stadtbezirken mit sozial schwachen hispanischen und afro-amerikanischen Familien gegründet. Lehrer achten äußerst aufmerksam auf die Einhaltung strenger Regeln und Disziplin, wobei schon kleinste Regelverstöße geahndet werden.

Untersuchungen zeigenübrigens , dass sich strenge Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung auf Menschen und ihr Befinden auswirken. Kokkoris, Hoelzl & Alós-Ferrer (2019) zeigten in insgesamt elf Studien mit etwa dreitausend Probanden, dass Selbstkontrolle nicht immer zu mehr Zufriedenheit mit einer Entscheidung führt. Viel eher kommt es dabei darauf an, was eine Mensch als legitime Grundlage für seine Entscheidungen sieht. In den experimentellen Studien mussten etwa Studierende, die auf Diät waren, in einem Labor zwischen Schokolade und Karotten entscheiden und wurden anschliessend zu ihren Gefühlen befragt. Menschen, die sich bei Entscheidungen eher auf ihr Gefühl verlassen, empfinden sich selbst beim Verzichten weniger authentisch, d. h., sie haben das Gefühl, ihre Bedürfnisse und ihr Verlangen zu unterdrücken und sich damit selbst zu betrügen. Menschen erfahren demnach eine höhere Zufriedenheit bei der Zurückhaltung, je mehr sie sich auf die Vernunft und weniger auf ihre Gefühle verlassen. Paradoxerweise bedeutet demnach für sie der Verlust der Selbstbeherrschung gleichzeitig auch ein gewisses Maß an Selbstfindung. Selbstbeherrschung ist daher nicht nur als Fähigkeit zu sehen, sondern auch als bewusste Entscheidung und Präferenz einer Person.

Mittels eines Fragebogens, der die hedonistische Fähigkeit misst, unmittelbaren Bedürfnissen und kurzfristigem Vergnügen nachzugehen und diese auch zu genießen, fanden Bernecker & Becker (2020) heraus, dass Menschen, die sich dem Genuss ungeteilt hingeben können, nicht nur kurzfristig mehr Wohlbefinden erleben, sondern generell eine höhere Lebenszufriedenheit aufweisen und auch weniger an Depressions- und Angstsymptomen leiden. Dabei sollte man sich aber in Genuss- oder Entspannungsmomenten nicht gedanklich ablenken lassen, denn das Grübeln über Aktivitäten oder Aufgaben, die man stattdessen erledigen sollte, untergräbt das unmittelbare Bedürfnis, sich zu entspannen. Die Auffassung, dass primär Selbstkontrolle hilft, ein zufriedenes und erfolgreiches Leben zu führen, indem langfristige Ziele über kurzfristiges Vergnügen gestellt würden, ist zwar durchaus wichtig für ein sinnhaftes und erfolgreiches Leben, aber auch die Fähigkeit, lustvolle Aktivitäten zu genießen, trägt ebenso viel zur Lebenszufriedenheit bei. Daher stehen nach Ansicht der beiden Forscherinnen diese scheinbar gegensätzlichen Auffassungen nicht im Widerspruch, sondern es sind beide für ein zufriedenes und erfolgreiches Leben wichtig.

Das Paradoxon der Selbstdisziplin

Die Fähigkeit zur Selbstdisziplin gilt in der heutigen Reiz- und Konsumkultur als eine der wertvollsten Schlüsselkompetenzen überhaupt. Im Kern beschreibt sie die psychologische Kraft, das eigene Denken, die Aufmerksamkeit und das Verhalten bei inneren Zielkonflikten so zu steuern, dass langfristige Ziele über kurzfristige Bequemlichkeiten siegen. Sie fungiert als Schutzschild gegen die permanenten Verlockungen der Moderne – von der ständigen digitalen Erreichbarkeit über Fast Food bis hin zum unüberlegten Konsum auf Kredit. Wer über eine ausgeprägte innere Steuerung verfügt, legt das Fundament für messbare Erfolge im Leben: stabilere Finanzen, höhere Bildungsabschlüsse, tiefere soziale Beziehungen und eine solidere körperliche wie mentale Gesundheit. Ohne diese Fähigkeit neigen Menschen dazu, ihr langfristiges Potenzial systematisch für den flüchtigen Genuss des Augenblicks zu verkaufen. Aus dieser enormen Bedeutung ergibt sich jedoch eine vielschichtige Problematik, die weit über die bloße Frage der Willenskraft hinausgeht:

Der Mythos der reinen Trainierbarkeit: Lange Zeit wurde der Aufschub von Belohnungen als eine isolierte Fähigkeit betrachtet, die man Kindern einfach nur früh genug antrainieren müsste. Die moderne Wissenschaft zeigt hier jedoch klare Grenzen auf: Die Veranlagung zur Selbstdisziplin ist schätzungsweise zur Hälfte genetisch bedingt. Zudem beeinflussen das soziale Umfeld und die finanzielle Sicherheit in der Kindheit massiv, ob ein Mensch Vertrauen in zukünftige Versprechen entwickelt. Starre Disziplinierungsmethoden greifen daher oft zu kurz und übersehen die individuellen Startbedingungen.

Die Erschöpfung durch Willenskraft: Sich im Alltag permanent durch reine Härte und Verbote kontrollieren zu wollen, ist psychologisch extrem verschleißend. Wer versucht, Versuchungen nur mit purer mentaler Anstrengung zu widerstehen, scheitert auf Dauer. Sinnvoller ist der Aufbau von klugen Strategien und Gewohnheiten (wie der bewussten Gestaltung des eigenen Umfelds), da die menschliche Willenskraft eine begrenzte Ressource ist.

Die Gefahr der emotionalen Entfremdung: Das größte inhärente Risiko einer übersteigerten Selbstdisziplin liegt in der chronischen Abwertung der Gegenwart. Wenn jeder Moment im Hier und Jetzt nur noch als „Opfer“ für einen späteren Gewinn in der Zukunft begriffen wird, verblasst die Lebensqualität im aktuellen Augenblick. Das Leben verlagert sich rein gedanklich in ein Morgen, wodurch die Gegenwart grau und gefühllos wird.

Die Kehrseite der extremen Kontrolle: Völlig ungebremste Selbstdisziplin kann sich destruktiv gegen die Person selbst richten. In ihrer extremsten Form schlägt sie in pathologische (krankhafte) Muster um. Phänomene wie Workaholismus (Arbeitssucht), zwanghafte körperliche Selbstoptimierung im Sport oder tiefgreifende Essstörungen sind oft das Resultat einer Disziplin, die den Kontakt zu den tatsächlichen, gesunden Bedürfnissen des eigenen Körpers und Geistes verloren hat.

Selbstdisziplin erweist sich damit als ein hocheffektives, aber scharfes Werkzeug. Sie ist nur dann eine echte Form der Selbstliebe, wenn sie nicht in blinde Tyrannei gegen sich selbst ausartet, sondern flexibel, nachhaltig und im Einklang mit einer lebenswerten Gegenwart eingesetzt wird (Stangl, 2018).

Literatur

Bernecker, Katharina & Becker, Daniela (2020). Beyond Self-Control: Mechanisms of Hedonic Goal Pursuit and Its Relevance for Well-Being. Personality and Social Psychology Bulletin, doi:10.1177/0146167220941998.
Kokkoris, Michail D., Hoelzl, Erik & Alós-Ferrer, Carlos (2019). True to which self? Lay rationalism and decision satisfaction in self-control conflicts. Journal of Personality and Social Psychology, 117, 417-447.
Moffitt,Terrie E., Arseneault,Louise, Belsky,Daniel, Dickson,Nigel, Hancox,Robert J., Harrington, HonaLee, Houts, Renate, Poulton,Richie, Roberts,Brent W., Ross,Stephen, Searse,Malcolm R., Thomson, W. Murray & Caspia, Avshalom (2011). A gradient of childhood self-control predicts health, wealth, and public safety. 10.1073/pnas.1010076108 PNAS January 24, 2011.
Stangl, W. (2018, 19. Juni). Das Paradoxon der Selbstdisziplin: Zwischen Lebensanker und Selbstoptimierungsfalle. Stangl notiert ….
https:// notiert.stangl-taller.at/populaerwissenschaftliches/das-paradoxon-der-selbstdisziplin-zwischen-lebensanker-und-selbstoptimierungsfalle/.
http://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article12326738/Selbstdisziplinierte-Kinder-sind-spaeter-erfolgreicher.html (11-01-25)
http://psychologie-news.stangl.eu/770/kulturunabhaengige-intelligenztests-culture-fair-tests (09-01-12)
http://paedagogik-news.stangl.eu/329/kipp-schulen-power-knowledge (11-01-02)


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