Schulbauten als Lernraum und Lebensraum

Eine Schule, die ein Lern- und Erfahrungsraum für Kinder und Jugendliche sein will, die wirksame und nachhaltige Lern- und Bildungsprozesse ermöglichen und systematisch fördern soll, muss der architektonischen Gestaltung des Raumes ein hohes Augenmerk schenken. Kein Mensch, also auch nicht SchülerInnen oder LehrerInnen, befindet sich im Raum wie ein Gegenstand in einer Schachtel, und ein Mensch verhält sich auch nicht so zum Raum, als ob er als raumloses Subjekt vorhanden wäre, sondern das Leben besteht ursprünglich in einem Verhältnis zum Raum und kann davon nicht abgelöst werden (vgl. Bollnow 1963, S. 23). Schulbauten spiegeln dabei in gewisser Weise auch eine bestimmte Vorstellung der Pädagogik bzw. Erziehung und Unterricht wieder. Jedoch wird auch heute noch Schulbauten bzw. der architektonischen Ausgestaltung von Schulen zu wenig Bedeutung beigemessen, obwohl Schulen als langjähriger Arbeitsort bzw. Lebensort gelten und das Schulklima, das Sozialverhalten, die Leistungsbereitschaft und die Arbeitsfreude positiv beeinflussen können. Schulbauten haben letztlich großen Einfluss darauf, wir sich in einer Schule das Lernen gestaltet und wie Lernprozesse ablaufen, um vor allem den Anforderungen moderner Lernformen zu entsprechen. Dabei muss nach Ansicht von Experten eine Modernisierung der Lernräume aber nicht unbedingt mit einem Neubau des Schulgebäudes einhergehen, denn oft kann bereits dessen Umgestaltung viel bewirken, etwa die Schaffung von durch mehrere Klassen genutzte gemeinsame offene Lernlandschaften mit Sitzinseln, Thinktanks wie Medienstationen und flexiblem Mobiliar. Vor allem sollte man die strikte Trennung zwischen Lern-, Versorgungs- und Erholungszonen aufheben, um Räume mehrfach flexibel nutzen zu können und auch zum Lernen an bisher ungewöhnlichen Orten ermutigen. Auch wenn durch selbst organisiertes Lernen der Schülerinnen und Schüler auch die Ruhe verloren geht und Lehrerinnen und Lehrer nicht wie im Klassenzimmer als abgeschirmtem Lernraum stets alles verfolgen können, werden Schülerinnen und Schüler befähigt, auch in rauschreichen Umgebungen fokussiert arbeiten zu können, was diesen später in ihrer beruflichen Laufbahn zugutekommen kann. So kann in einem Schulgebäude ein großer Marktplatz in der Mitte eines Schulgebäudes flexibel von allen genutzt werden, ebenso wie Freiräume in einem großzügig gestalteten Terrassen- oder Balkonbereich.


Kritisches: “Nehmen wir das selbst organisierte, individualisierende Lernen, etwa die Lernlandschaften. Das wird momentan sehr einseitig gepusht, obwohl längst nicht alle Lehrer, Erziehungswissenschaftler und Kinderpsychologen davon überzeugt sind. So wird daran gezweifelt, dass beispielsweise Neunjährige ihr eigenes Lernen selber managen und über zehn Tage einteilen können. Hier stellt sich auch die Frage, wie weit die teilautonom geleiteten Schulen selber über neuartige Schulversuche entscheiden können, wenn es mehr sein soll als nur ein Schulversuch. Solche abweichenden Modelle gibt es ja bis anhin vor allem an Privatschulen. Für eine Privatschule entscheiden sich Eltern aber bewusst. Wenn aber die Privatschule von gestern die öffentliche Schule von morgen ist, muss vorher eine politische Diskussion stattfinden.”


Literatur

Bollnow, O. F. (1963). Mensch und Raum. Stuttgart.
Hammerer, F. & Renner, C. (2005). Die finnische Grundschule Karonen koulu. Zeitschrift Erziehung & Unterricht, 7-8, S 150-169.
https://www.pressetext.com/news/20170706029 (17-07-06)
https://www.stangl.eu/paedagogik/artikel/karonen-koulu.shtml (14-12-21)
http://daten.schule.at/dl/Hammerer,_Franz__Renner,_Clara_Lernen_als_raeumliche_Erfah_.pdf (14-12-21)
Interview mit Roger von Wartburg in der bz vom 5. Februar 2015.
WWW: https://www.bzbasel.ch/basel/baselbiet/die-lehrer-haben-bei-der-umsetzung-gesehen-dass-es-da-und-dort-hapert-128799860 (15-11-21)






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