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Kreative Freiheit statt Bastelzwang: Wie offene Einladungen die Phantasie eines Kindes wecken


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Offene Einladungen zum Basteln, Malen oder kreativen Gestalten – im Englischen oft als „Invitations to Create“ bezeichnet – sind eine wunderbare und wunderbar entspannte Methode, um die natürliche Neugier und Phantasie von Kindern zu wecken. Im Gegensatz zu klassischen Bastelsets, bei denen am Ende ein perfekt vorgegebenes Ergebnis stehen soll, geht es hierbei ausschließlich um den Prozess des Gestaltens, das Ausprobieren von Materialien und das sensorische Erleben. Als Eltern bereitet man dafür einen Platz so vor, dass die Materialien für das Kind einladend, ästhetisch und gut erreichbar präsentiert werden, hält sich danach aber bewusst im Hintergrund. Man gibt kein festes Ziel und keine Schritt-für-Schritt-Anleitung vor, sondern überlässt dem Kind die völlige Freiheit zu entscheiden, was es tut, wie lange es sich damit beschäftigt und ob am Ende überhaupt ein vorzeigbares Kunstwerk entsteht oder ob das reine Mischen von Farben das eigentliche Ziel war.

Um als Eltern erfolgreich vorzugehen, braucht es vor allem eine innere Haltung des Loslassens und Vertrauens in die kindliche Kompetenz. Der erste Schritt besteht darin, eine vorbereitete Umgebung zu schaffen, die Fehlertoleranz signalisiert; eine abwaschbare Tischdecke oder eine große Malunterlage auf dem Boden nimmt von vornherein den Stress vor Flecken und erlaubt es auch den Erwachsenen, gelassen zu bleiben. Die Materialien werden dann nicht einfach lieblos in einer Kiste auf den Tisch gestellt, sondern ansprechend sortiert, beispielsweise in kleinen Schälchen, auf einem Tablett oder in einem Muffinblech. Weniger ist dabei oft mehr, da eine Reizüberflutung Kinder eher blockiert als inspiriert. Wenn die Einladung steht, bittet man das Kind einfach an den Tisch, ohne große Erklärungen abzugeben. Ein einfacher Satz wie „Ich habe hier ein paar Sachen für dich bereitgestellt, schau mal, was du damit machen möchtest“ reicht völlig aus. Oder noch besser: man zieht sich ohne Worte vollkommen zurück.

Danach zieht man sich als Elternteil in die Rolle des beobachtenden Begleiters zurück, greift nicht korrigierend ein, wenn der Kleber zweckentfremdet oder die Farben zu einer braunen Masse vermischt werden, und lobt nicht das vermeintliche Endergebnis, sondern beschreibt wertfrei, was man sieht, wie etwa die Konzentration des Kindes oder die Vielfalt der genutzten Formen.

Gute Beispiele für solche offenen Einladungen lassen sich ganz leicht mit Dingen umsetzen, die man meist ohnehin zu Hause oder in der Natur findet. Eine wunderschöne Einladung zum Malen wäre etwa ein großes Stück stabile Pappe, das in der Mitte des Tisches liegt, umgeben von drei kleinen Schälchen mit unterschiedlichen Fingerfarben, ein paar Wattestäbchen, einem alten Schwamm und zwei kleinen Ästen aus dem Garten. Das Kind kann nun selbst wählen, ob es die Finger nutzt, mit den Wattestäbchen Punkte setzt, den Schwamm tupft oder die Äste als Pinsel verwendet. Ein weiteres tolles Beispiel ist die Kombination von Knete und Naturmaterialien: Man rollt eine Kugel selbstgemachte oder gekaufte Knete auf einem Holzbrettchen aus und legt in kleinen Schalen ringsherum getrocknete Kichererbsen, ein paar bunte Federn, kleine Kieselsteine und Nudeln bereit. Das Kind wird instinktiv beginnen, die Materialien in die Knete zu stecken, Muster zu drücken oder kleine Skulpturen zu bauen. Auch eine Einladung zum Schneiden und Kleben funktioniert hervorragend, indem man ein leeres Blatt Papier auf das Tablett legt und dazu eine Kinderschere, einen Klebestift sowie verschiedene Reste von Geschenkpapier, Seidenpapier und Prospekten legt, die das Kind nach Herzenslust zerschneiden und aufkleben darf. Sogar das Thema Bauen lässt sich so gestalten, indem man beispielsweise eine Handvoll leere Toilettenpapierrollen, ein paar Wäscheklammern und einige Streifen buntes Klebeband bereitlegt. Durch diese offene Herangehensweise lernen Kinder nicht nur, selbstständig Entscheidungen zu treffen und Probleme kreativ zu lösen, sondern erleben auch die tiefe Befriedigung, Schöpfer ihrer ganz eigenen, unzensierten Welt zu sein.


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