Antinomien in der Schule

Grundsätzlich kann man dann von Antinomien sprechen, wenn in einer Situation verschiedene Perspektiven und Handlungsanforderungen virulent sind, die von einer Person oder. einer Gruppe als wichtig und tendenziell als gleichwertig bewertet werden, die aber nicht zugleich oder nicht in gleicher Intensität realisiert werden können. Üblicherweise geht eine solche Spannung so aus, dass unter Handlungsdruck in der Regel nicht beides zugleich oder in gleicher Wertigkeit berücksichtigt werden kann und Prioritäten gesetzt werden müssen. Häufig lassen Erwartungen anderer, situative Zwänge oder das eigene Bedürfnis nach identischem Verhalten es nicht zu, sich widersprüchlich darzustellen. Die Pole einer Antinomie werden dann in konkreten Situationen unterschiedlich wirksam: teils werden sie dominant, teils bleiben sie rezessiv. Aber bedeutsam sind sie gleichwohl und es kann mehr oder weniger deutlich zu einer Umkehr kommen: dass der vernachlässigte Pol sein Recht fordert und sich gegen den anderen durchsetzt.

Eine Grundanforderung an die Lehrertätigkeit ist es eben, mit solchen gegensätzlichen Handlungsanforderngen umgehen zu müssen, sogenannten Antinomien. Eine typische Antinomie ist es z.B. sich um den Einzelnen („Nähe“) aber auch um die gesamte Lerngruppe („Distanz zum Einzelnen“) kümmern zu müssen. Nähe ist dabei definiert als eine Beziehung zwischen zwei Individuen, die nicht nur oberflächlich, sondern durch Emotionalität, gegenseitiges Verständnis und das Aufeinandereingehen geprägt ist. Nähe ist der Ausgriff auf die ganze Person und das innere Wesen, ist also nichts bloß Räumliches, sondern etwas körperlich Empfindbares. Während ein Mensch Nähe vielleicht eher als Anerkennung und Wertschätzung positiv erlebt, kann der andere sie als zudringlich und unangenehm empfinden. Da alle Menschen Gefühlsäußerungen anders wahrnehmen, können im Umgang mit Nähe natürlich Probleme entstehen kann.

Eine andere typische Antinomie besteht z.B. darin, für die Lerner stellvertretend Entscheidungen über Inhalte und Methoden des Unterrichts zu treffen („Macht“), gleichzeitig auf deren Mitwirkung zu bauen („Vertrauen“).

Die Lehrerinnen und Lehrer stehen in der Institution Schule oft im Widerspruch zwischen ihrer pädagogischen Funktion als Förderer und Helfer der Schülerinnen und Schüler und zum anderen der administrativen Funktion als Beurteilungs- und Selektionsinstanz. Diese Aufgaben schließen sich zwar nicht aus, aber es gilt eine Balance zu wahren und die Gewichtung zwischen dem einen und dem anderen zu variieren.

Schülerinnen und Schüler wiederum können Schule und Unterricht durchaus mit Neugier und Interesse an der fachlich-sachlichen Kommunikation erleben, aber die schulisch-institutionellen Vorgaben und Zwänge lösen emotionale Distanz aus. Intrinsische Motive liegen mit extrinsischen Anreizen im Widerstreit. Die Sache des Lernens kann für den individuellen Bildungsprozess bedeutsam werden, aber weil diese Inhalte des Lernens immer zugleich als Medium der Selektion instrumentalisiert sind, wird aus Bildung Schulbildung. Auf emotionaler Ebene können LehrerInnen und SchülerInnen sich eher distanziert oder näher begegnen, wobei das eine  mehr als das andere gewünscht sein kann, aber ein Übermaß des einen oder des anderen kann zum Verdruss führen. Die Spannung zwischen den Polen einer Antinomie kann den Beteiligten gänzlich verborgen bleiben, weil sie eine andere Sicht der Dinge nicht zulassen mögen und sie verdrängt“ haben. Internalisierte Normen können solche Vereinseitigungen unbewusst zur Folge haben. Gleichwohl mag das Verdrängte im Verhalten und verbalen Äußerungen zum Ausdruck kommen. Eindeutige Polarisierungen können auf bewussten Entscheidungen für Prioritäten beruhen. Wenn normative Vorgaben für verbindlich gehalten werden, können sie dem Denken und Handeln eindeutige Orientierungen geben, die nicht in Frage gestellt werden sollen. Solche Eindeutigkeiten können im sozialen Kontext einer Person entstehen bzw. in ihm verstärkt werden. Die sozial-emotionale Dynamik einer Gruppe kann Individuen so unter Druck setzen, dass andere Orientierungen nicht zugelassen und gar nicht mehr erlebt werden. Dies kann in verschiedenen Kontexten durchaus verschiedene Ausprägungen haben. Eine Person kann ihre verschiedenen Bedürfnissen etc. in diffus erscheinender Weise wirksam werden lassen und sich so inkonsistent verhalten, dass es ihre Mitmenschen irritiert. Eine Person kann die Vielfalt ihrer Bedürfnisse und Wertsetzungen auch in deren Spannung bewusst erleben und damit reflektiert umgehen, indem sie z.B. das eine nach dem anderen in zeitlicher Priorität zulässt und abarbeite“. Schließlich kann jemand so mit den Polen einer Antinomie umgehen, dass er oder sie den Gegensatz in der Weise aufhebt, dass beides zu seinem Recht kommt. Dies kann dadurch gelingen, dass das eine mit dem anderen verbunden oder auf einer höheren Ebene in eine produktive Beziehung gebracht wird.

Siehe auch Die konstitutiven Antinomien des Lehrerhandelns.

Quelle
Schlömerkemper, J. (). Die Kompetenz des antinomischen Blicks. In Wilfried Plöger (Hrsg.), Was müssen Lehrerinnen und Lehrer können? Beiträge zur Kompetenzorientierung in der Lehrerbildung (S. 281-308). Schöningh.






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