Mehrsprachigkeit – Bildungschance und Bildungsrisiko

Georg Gombos

Mehrsprachigkeit zwischen Bildungschance und Bildungsrisiko

Vereinheitlichung und Differenz – Europa auf dem Weg zur Mehrsprachigkeit
Die europäische Integration entwickelt eine Art Sprachenpolitik, als Instrument zur Förderung der Mehrsprachigkeit. Mehrsprachigkeit ist in Europa gewünscht und bringt wirtschaftliche, soziale und kulturelle Vorteile für den Einzelnen mit sich (vgl. Gombos 2008, S. 10ff). Hierbei stellt sich jedoch die Frage, ob das europäische Integrationsprojekt ein Vereinheitlichungs- oder Differenzierungsprojekt darstellt. Als Vereinheitlichung kann das Erlernen der englischen Sprache in sämtlichen europäischen Schulsystemen gesehen werden, wobei das Ziel Europas nicht darin liegt, englischsprachig zu werden. Sprachen stellen einen Teil der jeweiligen Geschichte eines Landes und dessen Kultur dar. Ein gesellschaftspolitisches Argument, das somit für die Mehrsprachigkeit spricht, ist, dass Mehrsprachigkeit zur Erhaltung, Pflege und Weiterentwicklung dieser europäischen Sprachen beiträgt (vgl. Gombos 2008, S. 10ff). Um dies zu verwirklichen, haben EU und Europarat eine Vorstellung vom plurilingualen Menschen, der neben der Staatssprache noch zwei weitere Sprachen sprechen soll, wobei eine davon Englisch und die andere im Optimum eine Nachbarschafts-, Minderheiten- oder Regionalsprache sein sollte. Die grundlegenden Ideen für die Schaffung des plurilingualen Menschen sind im „Guide for the development of language education policies“ des Europarates festgelegt und enthalten im Wesentlichen Daten und Methoden der Sprachenpolitik sowie Organisationsformen mehrsprachiger Erziehung. Mehrsprachigkeit bedeutet in diesem Kontext gleichzeitig, dass man tolerant anderen Sprachen gegenüber ist und die Sprachen akzeptiert, die Menschen in Europa sprechen (vgl. Gombos 2008, S. 11f).

Mehrsprachigkeit – (Bildungs-) Chancen
Wie bereits oben erwähnt wurde, kann man davon ausgehen, dass Lernende, die zwei oder mehrere Sprachen über die Jahre hinweg gut gelernt haben, Vorteile gegenüber einsprachig Aufwachsenden zu erwarten haben (vgl. Gombos 2008, S. 13). Wenn vom Erlernen mehrerer Sprachen die Rede ist, muss jedoch zunächst aus pädagogischer Sicht die geklärt werden, ob der einzelne überhaupt in der Lage ist, mehrere Sprachen zu lernen, ohne dadurch überfordert oder verwirrt zu sein. Heute geht man davon aus, dass der Mensch ein Leben lang Sprachen lernen kann, wobei ein früherer Beginn klare Vorteile mit sich bringt. Kinder bis zum Alter von vier Jahren haben beispielsweise laut Studien im Bereich der Hirnforschung optimale Voraussetzungen für das Erlernen von zwei oder mehreren Sprachen. Bis zum 11. Lebensjahr wird durch das Erlernen einer zweiten Sprache ein neuronales Netzwerk aufgebaut, in das später gegebenenfalls eine dritte Sprache integriert werden kann. Im Gegensatz dazu müssen Kinder, bei denen dieses Netzwerk bis zum 11. Lebensjahr nicht aufgebaut wurde, für das Erlernen einer neuen Sprache ein eigenes Netzwerk aufbauen, was erheblich schwieriger ist, als ein vorhandenes Netzwerk zu erweitern. Weiters bringt ein früher Beginn den Vorteil mit sich, die Grammatik leichter und schneller zu beherrschen. Für das Erlernen mehrerer Sprachen im Allgemeinen spricht auch, dass bilinguale Kinder ihre Aufmerksamkeit besser auf mehrere Dinge gleichzeitig richten können und Bilingualität außerdem positive Auswirkungen auf deren Konzentration mit sich bringt (vgl. Gombos 2008, S. 12ff).

Mehrsprachigkeit – (Bildungs-) Risiken: Spracherwerb unter erschwerten Bedingungen
War bisher ausschließlich die Rede von Chancen und Argumenten, die für die Mehrsprachigkeit sprechen, werden nun einige Risiken angeführt. Generell muss gesagt werden, dass diese Risiken vor allem Migrantenkinder betreffen. Gründe dafür sind, um nur einige zu nennen, die „oft schwierige soziale Lage, der niedrige Status ihrer Erstsprache, Abwertung und Diskriminierung sowie die unvollständige Sprachentwicklung in der Erstsprache“ (Gombos 2008, S. 15). Studien belegen, dass Migrantenkinder, die Beschimpfungen ausgesetzt sind oder Angst haben, beim Erlernen der zweiten Sprache schlechtere Leistungen erbringen, als diejenigen, die Selbstvertrauen haben. Wird eine Sprache also unter erschwerten Bedingungen erlernt, können die oben genannten positiven Auswirkungen der Bilingualität ins Negative umschlagen. Ein weiterer Risikofaktor stellt das defizitäre Angebot, die Erstsprache zu lernen, dar. Kinder, die in ihrer Herkunftssprache nicht oder zu wenig gefördert werden, erbringen schlechtere Leistungen als solche, die die Erstsprache gut beherrschen (vgl. Gombos 2008, S. 15f).

Die Situation der Mehrsprachigkeit an Österreichs Schulen
Das österreichische Bildungswesen ist hauptsächlich einsprachig organisiert, wodurch „Probleme mit dem Potential der Vielfalt an Erstsprachen der SchülerInnen“ (Gombos 2008, S. 10) entstehen. Alle SchülerInnen in Österreich lernen in erster Linie Deutsch und „zwischen 90% und 99% der SchülerInnen wählen Englisch als erste lebende Fremdsprache“ (Gombos 2008, S. 16). Je nach Schultyp und Standort der Schule betrug aber der Anteil der Kinder, dessen Erstsprache nicht Deutsch ist, bereits im Schuljahr 2005/2006 zwischen 2,3% und 56,2%. Im städtischen Bereich betrug der prozentuelle Anteil in einzelnen Klassen sogar bis zu 100%. Viele dieser Kinder stehen vor dem Problem, dass kein Angebot an muttersprachlichen Zusatzunterricht besteht und sie dann aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse an Sonderschulen verwiesen werden, da sie den abstrakten Themen bzw. der abstrakten Sprache im Unterricht nur schwer folgen können (vgl. Gombos 2008, S. 16f).

Lösungsansätze für das Problem der Mehrsprachigkeit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine Diskussion über die Zukunft von Mehrsprachigkeit in einem gesamteuropäischen Zusammenhang geführt werden sollte. Die Verabschiedung der Einsprachigkeit an Schulen und anderen Institutionen könnte helfen, den enormen wirtschaftlichen Wert von mehrsprachigen Kompetenzen gebührend zu nutzen. Ideal wäre es, allen Schülern die Möglichkeit zu bieten, sich mehrsprachig zu entwickeln und damit ihre Sprachlichkeit zu fördern. Für Migrantenkinder wäre die Förderung von Herkunftssprachen von großer Bedeutung, da dies auch positive Effekte auf das Erlernen der deutschen Sprache hätte. Laut wissenschaftlichen Studien können Sprachen einander ergänzen: Je mehr die Herkunftssprache stabilisiert wird, desto mehr kann eine weitere Sprache aufgebaut werden. Für die Umsetzung der Mehrsprachigkeit sowohl von In- als auch Ausländern ist es wichtig, interkulturelle Pädagogik anstatt Ausländerpädagogik anzuwenden (vgl. Gombos 2008 S. 16ff). Die Botschaft sollte folgendermaßen lauten: „Wir lernen voneinander und wir lernen, um miteinander leben zu können“ (Gombos 2008, S. 17).

Die positive Wirkung von Mehrsprachigkeit auf die kognitive Entwicklung wurde demnach schon mehrfach belegt, denn je nach Kontext und Gesprächspartner zwischen mehreren Sprachen zu wechseln, erhöht die Aufmerksamkeit und verbessert das Gedächtnis. Aber auch Menschen, die mit mehreren Dialekten oder Sprachen leben, zeigen bessere Leistungen in Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstests. Es scheint offensichtlich das Gehirn zu stimulieren, wenn jemand regelmässig zwischen zwei Formen von Sprache wechseln muss.

Literatur
Gombos, G. (2008). Mehrsprachigkeit zwischen Bildungschance und Bildungsrisiko. Erziehung und Unterricht, 158, 10-20




Eine Reaktion zu “Mehrsprachigkeit – Bildungschance und Bildungsrisiko”

  1. André Chouk

    Die Gewährleistung einer Mehrspachigekit für die kommenden Generationen geht nur über die Einführung von neuen Lernfächern in den Schulen der EU.

    Die Bildungsministerien, die auch meistens für den Ressort Kultur verantwortlich sind sollten eine gebündelte Politik mit den zuständigen EU-Kommissaren und Institutionen erarbeiten und durchsetzen.

    Die Amtsprachen der EU-Organen sind nicht gleich mit den tatsächlichen angewandten Arbeitssprachen (Deutsch – English – Français).

    Cordialement, AC./.

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