Kognitive Basiskompetenzen für Rechtschreibung und Rechenleistung

Orthografie ist eine Grundfähigkeit, die das Tor in die Welt jedweder Bildung öffnet. Wer sie nicht beherrscht, versagt selbst bei Internetsuchen und bei der Fahndung nach Songs in iTunes. Jedes Lexikon bleibt eine Terra incognita, Nachschlagen führt in die Irre, bis die Kinder es, Frust lass nach, ganz bleiben lassen. Vor allem aber: Wer nicht weiß,wie man schreibt, kann auch nicht gut lesen! Quelle: SPIEGEL 25, 2013.

Gerade im Hinblick auf häufig geäußerte Schulprobleme ist die Abklärung kognitiver Fähigkeiten und Fertigkeiten sehr hilfreich, um geeignete Fördermaßnahmen einleiten zu können. Frühzeitiges Erkennen von Lernschwäche ist daher von fundamentaler Bedeutung und die Forschung richtet ihr Augenmerk dazu bereits verstärkt auf das Kindergarten- bzw. frühe Schulalter. Fähigkeiten, welche als eine Voraussetzung für schulisches Lernen gesehen werden, bezeichnet man auch als Vorläuferfähigkeiten, die bereits im Kindergarten erworben und gefördert werden sollen. Man unterscheidet zwischen Vorläuferfähigkeiten, die entweder für den Erwerb der schulischen Fertigkeiten oder für die Festigung des Erlernten notwendig sind. In dieser Studie geht es nur um diejenigen, die für den Erwerb schulischer Fertigkeiten erforderlich sind (vgl. Knievel, Daseking & Petermann, 2010, S. 16).
Als Vorläuferfähigkeiten für den Schriftspracherwerb bezeichnen Knievel, Daseking und Petermann (2010, S. 16) die Sprachverarbeitung, die visuell-räumliche Wahrnehmung und die visuelle Aufmerksamkeitssteuerung.
Vorläuferfähigkeiten für das Erlernen von arithmetischen Fertigkeiten Als Vorläuferfähigkeiten für den Erwerb von arithmetischen Fertigkeiten bezeichnen Knievel, Daseking und Petermann (2010, S. 17) die vorsprachlichen Kernkompetenzen für die Unterscheidung und Wahrnehmung kleiner Mengen, desweiteren die auditive und visuell-räumliche Merkspanne.
Als gemeinsame Vorläuferfähigkeiten für den Rechtschreib- und Rechenerwerb werden von Knievel, Daseking und Petermann (2010, S. 18) in erster Linie verbale Arbeitsgedächtnis-leistungen und die auditive Merkspanne genannt. „Es gibt Hinweise darauf, dass diese Leistungen die Prädiktionskraft der Intelligenz auf spätere Schulleistungen moderieren, dies gilt zumindest für den Rechenerwerb. Aber auch komplexere Sprachfähigkeiten lassen sich als geeignete Prädiktoren für beide Schulleistungsbereiche finden“ (Knievel, Daseking & Petermann, 2010, S. 18).

Studie

Zum ersten Messungszeitpunkt wurden die Tests an Kindern im letzten Kindergartenjahr durchgeführt. Dabei wurden Aufgaben zum Sprachverständnis, der auditiven Merkspanne, der Aufmerksamkeitsleistung und den visuell räumlichen Fähigkeiten gestellt. Beim zweiten Messungszeitpunkt wurden dieselben Kinder die mittlerweile vorm Beginn der zweiten Klasse standen, getestet. Dabei wurden Aufgaben zur Rechtschreib- und Rechenleistung gestellt. Insgesamt wurden 119 Kinder getestet, davon 65 Mädchen und 54 Buben (vgl. Knievel, Daseking & Petermann, 2010, S. 18f). „ In der vorliegenden Studie soll der Einfluss basaler kognitiver Leistungen auf den Rechtschreiberwerb und den Erwerb arithmetischer Fertigkeiten überprüft werden. Hierbei soll der Frage nachgegangen werden, ob Vorläuferfähigkeiten existieren, die eine besonders hohe Prädiktionsgüte für beide Schulleistungsbereiche aufweisen“ (Knievel, Daseking & Petermann, 2010, S. 18). Die Testaufgaben für die Kindergartenkinder wurden mithilfe von Basic-Preschool erhoben. Darunter versteht man ein Screeningverfahren zur Erfassung von kognitiven Basis-kompetenzen für Kinder zwischen 4 – 11 Jahren. Die Kindergartenkinder mussten dabei anhand von verschiedenen Sätzen bestimmte Anweisungen ausführen, zehn Fantasieworte nachsprechen, eine räumliche Position erkennen und sich auf einen bestimmten Sachverhalt konzentrieren und diesen lösen. Bei den Schulkindern ging es um die Schulleistungen und die Intelligenz. Beim Rechentest sollten 36 Rechenaufgaben gelöst werden, für die Rechtschreibleistung wurde ein Lückentext vorgegeben. Für die allgemeine kognitive Leistungsfähigkeit (Sprachverständnis, Logisches Denken, Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit) wurde der HAWIK-IV verwendet, dieser erfasst die Intelligenzleistung von Kindern im Alter von 6 – 16 Jahren anhand von zehn Kerntests.
Die Leistung im Kindergartenalter weist einen Zusammenhang mit der kombinierten Schulleistung auf, wobei kein bedeutender Korrelationsunterschied zwischen den Vorläuferfähigkeiten (weder gesamt noch einzeln) und einer der beiden Schulleistungen auftritt. Im Gegensatz dazu gibt es einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Schulleistung Gesamt und allen vier untersuchten basalen kognitiven Leistungen, d.h, dass die kombinierte Schulleistung, also Rechnen und Schreiben gemeinsam, besonders gut durch das vorschulische Sprachverhältnis, die auditive Merkspanne und die visuell-räumliche Wahrnehmung vorhergesagt wird. Die wesentlichste Rolle spielt dabei die Sprachverständnisleistung, ausschlaggebend dabei die präpositionalen Beziehungen. Diese fordern ein hohes Abstraktionsvermögen der Kinder, da sie keine oder nur eine schwer erfassbare inhaltliche Bedeutung haben. Man kann daher annehmen, dass die vorschulische Sprachverständnisleistung die Rechen- und Rechtschreibleistung beeinflusst (vgl. Knievel, Daseking & Petermann, 2010, S. 19ff).

Literatur
Knievel, J., Daseking, M. & Petermann, F. (2010). Kognitive Basiskompetenzen und ihr Einfluss auf die Rechtschreib- und Rechenleistung. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 42 (1), 15-25.




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