Körperkompetenzen und Interaktion

Julia Košinár, eine seit vielen Jahren im Aus- und Fortbildungsbereich tätige Körperpädagogin, befasst sich in ihrem neuen Buch mit dem individuellen, authentischen Körperverhalten in pädagogischen Kontexten, um in diesen als Lehrender die Interaktion und Kommunikation gelingend gestalten zu können. Als ausgebildete Schauspielerin war sie zwischen Studium und Promotion in der Erwachsenenbildung im künstlerisch-kulturellen Bereich und als Lehrbeauftragte tätig, was ihrer Perspektive auf Körperkompetenzen einen interessanten aktionalen Zusatzaspekt verleiht. Zurzeit ist Julia Košinár als Lektorin am Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Universität Bremen in der Lehrerausbildung tätig, arbeitet zusätzlich freiberuflich als Lehrbeauftragte an den Universitäten Wien und Graz und in der Fortbildung an verschiedenen Lehrerbildungsinstituten in Deutschland. In ihren aktuellen forschungsgeleiteten Projekten befasst sie sich mit Video(selbst)Analysen und Selbstreflexionskompetenzen, wobei ihr Interesse darin liegt, durch ihre Methode der „Körperbasierten Selbstregulation“ Prozesse zur Entwicklung hoher Selbstwirksamkeitserwartungen und eines positiven Selbstbildes mit hohem Selbstwertgefühl anzustoßen. Im Sinne der Salutogenese sieht sie hierin auch den Schlüssel für einen positiven, ausbalancierenden Umgang mit Stress und einer guten Interaktionsbasis mit dem beruflichen Umfeld.
Nun hat sich Košinár in ihrem Buch „Körperkompetenzen und Interaktion in pädagogischen Berufen. Konzepte – Training -Praxis“ der spezifischen Interaktion und Kommunikation im Berufsfeld Schule bzw. Ausbildung im Allgemeinen gewidmet. Es gibt ihrer Ansicht nach viele Gründe, warum es unerlässlich ist, sich gerade in erzieherischen Kontexten des eigenen Körperverhaltens bewusst zu sein und die Körpersprache anderer verstehen zu lernen. Besonders Lehrende wissen oft nicht, wie sie ihre Körpersprache adäquat einsetzen können, um sich Gehör zu verschaffen, andere zu motivieren oder diesen Raum zur Selbsttätigkeit zu geben. LehrerInnen erleben daher häufig Probleme in ihrer Beziehung zu SchülerInnen, es entstehen Missverständnisse in der Kommunikation, die in vielen Fällen auch in der Begrenzung einer bewussten Handhabe des körperlichen Ausdrucksrepertoires begründet liegen. Schon seit einiger Zeit hat sich auch bei Lehrenden ein Bewusstsein für die Bedeutung der Körpersprache in Interaktionen und Beziehungsstrukturen aber auch für die Komplexität körperlichen Handelns entwickelt, doch wurde dieses bisher selten systematisch und theoriegeleitet analysiert.

Grundlage des Buches bilden die Erfahrungen der Autorin aus zehn Jahren Tätigkeit als Körperpädagogin in der Lehreraus- und -fortbildung und Erkenntnisse, die sie als Erziehungswissenschaftlerin durch Beobachtungen, Befragungen und Evaluationen gewinnen konnte. In diesem Band werden aufbauend auf fundierten Analysen bisheriger Arbeiten zur Theorie und Praxis der Körpersprache in der Kommunikation zahlreiche notwendige Begriffsklärungen und Abgrenzungen vorgenommen. Anders als bei ähnlichen Publikationen, die Kommunikation eher unter einem funktionalen Aspekt betrachten, wird betont, dass erst die Eigenwahrnehmung geschärft werden muss, um das eigene körpersprachliche Verhalten klar erkennen und dann möglicherweise auch korrigieren zu können. Ein Schwerpunkt der Darstellung liegt daher auf der häufig vernachlässigten Innenwirkung, die das Körperverhalten auf die Emotionen hat, denn das bewusste Erleben und Einsetzen des eigenen Körpers kann sich sowohl positiv als auch negativ auf das Selbstwertgefühl auswirken. Erst das Zusammenspiel von Innen- und Außenwirkung ermöglicht es, mit dem eigenen Körper selbstregulierend handeln zu können, um dann auch allmählich die eigene Verfassung und Situation zu verändern. Besonderen Wert legt die Autorin bei den Trainings daher auf die Überprüfung der Wirkung des Körperverhaltens auf die Emotionen, denn die eigene „Haltung“ kann die emotionale Grundstimmung wesentlich beeinflussen. Folgerichtig beschäftigt sich ein größerer Abschnitt mit den Wegen der Erlernbarkeit der Körperkompetenzen (S. 121ff). Hier kommen der Autorin die praktischen Erfahrungen in der Lehrerausbildung zu Gute.
Hervorgehoben werden sollen auch die zahlreichen aus der eigenen Praxis der Autorin stammenden Fallbeispiele, die die dargestellten theoretischen Ausführungen sinnvoll ergänzen. Theorie und Praxis werden dabei miteinander in verständlicher Weise verknüpft.
Aber nicht nur der pädagogische Diskurs steht in der Analyse, sondern etwa auch der nicht unwesentliche Dialog mit den Eltern (S. 115f.).
Praktische Tipps für SeminarleiterInnen und Übungen mit zahlreichen Illustrationen finden sich in Teil B (Praxis und Training, S. 143ff) des Buches, die anregen, diese in den eigenen Unterrichtsalltag zu integrieren. Die Autorin betont jedoch wiederholt, dass es sich bei ihrer Arbeit nicht um ein Selbsthilfehandbuch oder rezeptartig anzuwendendes Wissen handelt, wie es bisher in der vergleichbaren Literatur zum Thema Körpersprache im Unterricht häufig zu finden war. Zwar wünschen sich viele Lehrende Tipps zur Übernahme einer vermeintlich richtigen Körpersprache, ohne aber zu bedenken, dass es eine solche Verallgemeinerung nicht geben kann, sondern nur ein individuell authentisches und kongruentes Verhalten, das gemäß des persönlichen Ausdrucks und der Intention seine eigene Bedeutung erhält. Wichtig an der Körpersprache im Unterricht ist, dass sie stets authentisch ist, dem eigenen beruflichen Rollenverständnis entspricht und die Beziehungsebene zwischen den Beteiligten in den Mittelpunkt stellt. Jeder Lehrende muss sich daher nach Ansicht von Košinár auf den Weg machen, seine ganz eigene Körpersprache zu erkennen, zu reflektieren, eigene Verhaltensweisen beobachten und vordringlich eine klare Wahrnehmung für sich selbst zu entwickeln. (W.S.)

Ein empfehlenswerter Download eines Handouts zu diesem Thema findet auf der Homepage der Autorin:
http://www.koerperkompetenzen.de/JK_Handout_Koerperkompetenzen.pdf




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