Klassengröße und Individualisierung

Es ist ein Mythos, dass eine geringere Schülerzahl allein der Schlüssel zu individualisiertem Unterricht ist, denn die Auswertung der Ergebnisse der internationalen Grundschullesestudie Iglu 2006 ergab, dass sich die Schülerleistungen in kleineren Klassen nicht verbesserten,  was allerdings schon seit 15 Jahren durch zahlreiche Studien belegt ist. Ob LehrerInnen den Unterricht individualisieren, ist weitgehend unabhängig von der Anzahl der SchülerInnen, sondern hängt von der Lehrerpersönlichkeit, von der Ausrichtung des Kollegiums und der Schulleitung ab. Günstiger ist es nach Ansicht von Experten, „Coteacher“ einzustellen, denn LehrerInnen, die zusätzlich unterrichteten, können mit den schwächsten oder stärksten Schülern individuell arbeiten, was effektiv ist und letztlich auch Kosten spart.

Der neuseeländische Erziehungswissenschaftler John Hattie hat in seinem Buch „Visible Learning“ knapp 800 englischsprachige Metastudien, die auf über 50.000 Studien mit 250 Millionen SchülerInnen basieren, die Einflussfaktoren für den Lernerfolg von SchülerInnen extrahiert, und eine Skala von 138 Faktoren erstellt, welche pädagogische Maßnahmen am wirkungsvollsten sind. Seine Antwort auf die Frage, was einen guten Unterricht ausmacht:  ist die Interaktion zwischen Lehrern und Schülern zu verbessern. Maßnahmen wie kleinere Klassen ist seiner Meinung nach das Verrückteste, was man tun kann, um die Leistungen der Schüler zu verbessern, denn verglichen mit anderen Maßnahmen ist der Effekt verschwindend gering (Rang 106 in seiner Skala). Auch das Sitzenbleiben, offener Unterricht, mehr Geld oder andere Schulstrukturen sind weitgehend irrelevant.

Quelle: http://www.zeit.de/ 20.4.2010




3 Reaktionen zu “Klassengröße und Individualisierung”

  1. Franz Josef Neffe

    Exakt so ist es. Die Schülerzahl ist ein Faktor – und Multiplikator – für gute wie für schlechte Pädagogik. Als Ich-kann-Schule-Lehrer konnte ich sozusagen an der Lautstärke des Stöhnens die Qualität der Pädagogik ablesen. Schon als Student im Praktikum registrierte ich, dass das Problem so gut wie jedes mal größer wurde, wenn der Lehrer sich Zeit für einen einzelnen Schüler nahm.
    Auch mit den Co-teachern sollten wir sehr genau achtgeben: Als ich den 1980ern an meiner Sonderschule die Schulmusikstunde einführen durfte hatte ich die Klassen mit ihrer jeweiligen Lehrkraft um mich herum versammelt. Wenn ein Schüler nicht alles mitmachte, was ich vorne lenkte, meinte der Kollege, ihn von hinten auf mich ausrichten zu müssen. Damit richtete aber nur die Aufmerksamkeit der entscheidenden FEINEN Talente aller Kinder in seiner Nähe nach hinten zu ihm.
    Wenn wir in der Du-musst-Schule endlich den Umgang mit den entscheidenden FEINEN Kräften von Geist und Seele lernen würden, könnten wir uns a) den allergrößten Teil der üblichen päd. Schinderei sparen und b) dann könnten sich bei einer Kommunikation ohne Druck aber (wie in der IKS üblich) mit SOGwirkung die TALENTE der Kinder endlich einmal wirklich entfalten und wachsen. Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

  2. E. C. Riethmayer

    Es kommt immer darauf an, was man daraus macht! Der Begriff „Individualisierung“ wird in diesem Zusammenhang viel zu unpräzise verwendet! Was soll das heißen? Einzelarbeit? Herkömmliche Gruppenarbeit? Kooperativer Unterricht? Individualisierung als innere Differenzierung. Je nachdem, was man mit „Individualisierung“ meint, sind damit ganz unterschiedliche Ansprüche an die Lehrperson verbunden. Wenn es darum geht, individuelle Arbeitsmateralien zu erstellen, individuelle Feedbacks zu geben, Schüler und Schülerinnen individuell zu beraten und zu begleiten, dann ist das sehr wohl etwas, was von der Klassengröße abhängt. Wenn man den Einfluss der Klassengröße untersucht, dann sollte das immer im Zusammenhang mit einer anderen Größe (z.B. Ausmaß der Individualisierung, didaktisches Konzept, beispielsweise selbständiges Lernen in einer vorbereiteten Umgebung…)verbinden.

  3. John Hattie

    Fachwissen und große Begeisterung

    Eines ist unumstritten: Lehrer müssen fachlich äußerst kompetent sein. Das ist nun auch in der Politik angekommen. Alle Lehrertypen – Volks-, Hauptschul- und AHS-Lehrer – sollen durch die neue Lehrerbildung ihr Studium mit dem Master abschließen. Nur wer selbst vom Lernstoff begeistert ist, kann Schüler dafür interessieren. Dass Lehrer Fächer unterrichten, die sie nicht studiert haben, ist nicht tragbar. Das stellt die Hauptschulen vor eine Herausforderung. Dort ist das bislang gang und gäbe.

    Bauchgefühl und Empathie

    Dass die Lehrergewerkschaft für mehr Schulpsychologen kämpft, spricht für sich. Denn derzeit sind es meist die Pädagogen selbst, die sich mit den persönlichen Problemen der Kinder beschäftigen müssen. Ihre Klage: Immer öfter müssen sie für die Versäumnisse des Elternhauses geradestehen. Unumstritten ist, dass ein guter Pädagoge ein Ohr für die Anliegen der Schüler haben sollte. Er soll empathisch sein und ein gutes Bauchgefühl haben. In erster Linie sollte er sich dennoch auf seinen Job als Lehrer konzentrieren können.

    Schülerleistungen beobachten

    Individualisierung ist das Modewort in der Bildungspolitik. Hinter dem Wort steckt – zumindest auf den ersten Blick – ein einfacher Wunsch: Lehrer sollten jeden einzelnen Schüler beobachten. Sie sollten erkennen, wo der Einzelne steht und wo er Fehler macht. Gleichzeitig heißt das, dass ein und derselbe Lehrer seinen Unterricht an 25 Personen anpassen soll. Eine schwierige Aufgabe. Hier zeigt sich, dass nicht nur die fachliche Ausbildung, sondern auch die pädagogische Qualifikation wichtig ist.

    Kritik einstecken

    Kritikfähigkeit ist laut dem Bildungforscher John Hattie eine der wichtigsten Eigenschaften, die ein Lehrer mitbringen soll. Pädagogen, die das Feedback von Schülern ernst nehmen, können so nicht nur die eigene pädagogische Leistung verbessern. Sie wirken mit dieser Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der Schüler auch positiv auf deren Lernfortschritt ein. Hattie erklärt das zu einem der bedeutendsten Faktoren.

    Sitzfleisch

    Pädagogen brauchen Ausdauer. Und zwar vor allem dann, wenn es um politische Reformen geht. Vier Jahre hat es gedauert, bis der Gesetzesentwurf zur neuen Lehrerbildung im April in Begutachtung geschickt wurde. Auf ein neues Dienstrecht warten die Lehrer bereits seit 2008. Dass dieses noch vor den Wahlen im Herbst beschlossen wird, wird immer unwahrscheinlicher.

    Standhaft sein

    Der Druck durch die Eltern steigt. Sie versuchen, die Lehrer dazu zu bringen, ihren Kindern bessere Noten zu geben. Häufig wollen sie ihrem Kind dadurch einen Platz im Gymnasium sichern. In Wien stiegen diesbezügliche Beschwerden der Lehrer so stark an, dass sich die Stadtschulratspräsidentin sogar mit einem Brief an die Pädagogen wandte. Sie ermutigte die Lehrer, standhaft zu sein. Sie habe Vertrauen in deren pädagogische Expertise.

    Eine gute Stimme

    Heiserkeit gilt als Lehrerkrankheit Nummer eins. Eine gute Stimme ist Voraussetzung. Es gilt, nicht nur den Lehrstoff in den Unterrichtsstunden zu vermitteln, sondern auch den zumeist hohen Lärmpegel in den Klassen zu übertönen. Dementsprechend ist es wenig überraschend, dass stimmstörungsbedingte Fehltage von Lehrern hohe Kosten verursachen. Allein in den USA sind es jährlich 2,5 Milliarden Dollar.

    Mit den Augen der Schüler sehen

    Lehrer sind keine Wissenschaftler. Im Unterschied zu diesen erwartet John Hattie von Lehrern, dass sie den Unterricht mit den Augen der Schüler sehen. Sie müssen sich in die Schüler hineinversetzen. Sie sollten wissen, warum es diesen schwerfällt, Dinge zu verstehen.

    Antworten aus dem Ärmel schütteln

    Pädagogen sind in vielen Fällen die ersten Ansprechpersonen für die Schüler. Was in der Welt passiert, wird in der Klasse besprochen. Lehrer sollten Antworten auf Fragen zu Umweltkatastrophen, Terroranschlägen und politischen Ereignissen haben. Sie müssen belesen sein. Mit den neuen Medien – Stichwort Facebook – ist eine besondere Herausforderung hinzugekommen.

    Balance halten

    Das Image ist angekratzt. Einst genossen Lehrer ein ähnliches Ansehen wie Ärzte, heute eilt ihnen der Ruf als faule Neun-Wochen-Sommerurlauber voraus. Das Lehrer-Bashing wirkt sich gleich mehrfach negativ aus. Erstens: Für gute Schulabsolventen ist der Lehrberuf mittlerweile wenig attraktiv geworden. Zweitens: Die öffentliche Geringschätzung ist für die Pädagogen zusehends demotivierend. Drittens: Der Fehlende Rückhalt durch die Eltern erschwert das Arbeiten in der Klasse selbst. Das angekratzte Image erfordert einen Balanceakt der Lehrer: Einerseits sollten sie die öffentliche Meinung nicht zu ernst nehmen, andererseits aber kritikfähig sein.

    Kleine Schritte

    Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen verlangt vor allem eines: Geduld. Denn die Schüler bestimmen das Lerntempo. Verstehen sie den Stoff nicht, liegt es an den Lehrern, Dinge anders und besser zu erklären.

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