Hochbegabung und Schulabsentismus

Theoretische Überlegungen und empirische Befunde zu einer ungewöhnlichen Liaison
Margrit Stamm

Schulabsentismus: Begriff, Ursachen und Erscheinungsformen
Schulabsentismus ist unentschuldigtes Fernbleiben von der Schule über kürzere oder längere Zeit. „Schulversagen ist der potenteste Risikofaktor für Schulabsentismus“ (Stamm 2005, S. 21). Der Begriff Schulabsentismus lässt sich unterscheiden in Schulschwänzen und Schulverweigerung. Schulverweigerung dominiert jedoch im deutschen Sprachgebrauch, auf Grund von so genannten Schulverweigerungs-Projekten, für Jugendliche, die Schule nicht oder nur mehr sporadisch besuchen. Dieser übermäßige Gebrauch führt dazu, dass, obwohl die meisten Jugendlichen keine klinischen Symptome aufweisen, Schulabsentismus mit pathologischen Verhaltensweisen in Verbindung gebracht wird (vgl Stamm 2005, S. 21-22).
Hochbegabt sind Jugendliche, die herausragende Leistungen im intellektuellen Bereich erbringen. Sie werden als schulerfolgreicher, leistungsmotivierter und zielstrebiger als Normalbegabte angesehen und müssten deshalb seltener zu den schulabsenten Jugendlichen gehören. Doch „Befunde aus der Underachievementforschung geben Hinweise, die auf Schulabsentismus schließen lassen“ (Stamm 2005, S. 23). Misserfolge oder Zurückweisung durch Lehrpersonen oder Mitschüler, können sich in Verhaltensstörungen oder psychosomatischer Beschwerden äußern und schließlich zur Schulabstentismus führen. Kinder und Jugendliche, die keine herausragenden oder sogar unterdurchschnittliche Schulleistungen erbringen, obwohl sie ausgewiesen überdurchschnittlich intelligent sind, werden Minderleister genannt (vgl. Stamm 2005, S. 22-23).
Laut Stamm (2006) gibt es 3 verschiedene Ansätze die zu Schulversäumnissen bei Hochbegabten führen können: „(a) ungünstige Rahmenbedingungen, die zu Schulversäumnissen und dann zu Leistungsdefiziten – oder umgekehrt – führen; (b) allgemeine Unterforderung im Lehrstoffangebot, welche Schulmüdigkeit und schließlich Schulversäumnisse nach sich ziehen; (c) ungünstige Lehrer-Schüler-Beziehung oder inadäquate Lernarrangements“ (Stamm 2005, S. 23), sowohl in Fächern, wo das Begabungspotenzial sehr ausgeprägt ist, als auch in Fächern, wo Begabungsschwächen vorhanden sind. Beide Fälle münden in Schulversäumnisse (vgl. Stamm 2005, S. 23).
Teilstudie und Ergebnisse
In der Teilstudie ging Margrit Stamm (2005) „der Frage nach, in welchem Ausmaß Schulabsentismus bei überdurchschnittlich begabten Jugendlichen ein Thema ist und wie er sich manifestiert“ (Stamm 2005, S. 23). Es wurde auch untersucht, „ob Schulabsentismus bei überdurchschnittlich begabten Jugendlichen mit den Leistungsverläufen gekoppelt ist und ob sich entsprechende Typologien finden lassen“ (Stamm 2005, S. 23).
Es wurden 399, heute 16-jährige, Jugendliche untersucht, die im Herbst 1995, sechs Wochen nach Schuleintritt, einen standardisierten Test machten. Sie wurden in eine Untersuchungsgruppe, Kinder, die im Test fehlerfrei gearbeitet haben, und in eine Vergleichgruppe, Kinder, die über keine entsprechenden Vorkenntnisse besaßen, aufgeteilt (vgl. Stamm 2005, S. 22).
Das Ergebnis zeigte, dass 48 % der Jugendlichen im Schuljahr 2002/03 dem Unterricht unentschuldigt ferngeblieben sind. Davon haben 31% bis zu einem halben Tag, 15 % einen Tag oder länger geschwänzt. 2 % dieser Jugendlichen müssen als „notorische Schulschwänzer“ bezeichnet werden, weil sie in regelmäßigen Abständen immer wieder dem Unterricht fernblieben. Als Gründe dafür wurden Langeweile im Unterricht, Stress mit der Lehrperson und Angst vor Prüfungen genannt. Lediglich 31 % der befragten Jugendlichen gaben an, noch nie unentschuldigt gefehlt zu haben (vgl. Stamm 2005, S. 25-26).
Nur 3 % der Jugendlichen gaben an, sich in diesem Jahr geweigert zu haben, in die Schule zu gehen. Insgesamt 24 % haben zumindest einmal in ihrer Schulkarriere die Schule verweigert. Bei 4 % war das öfter der Fall. Verglichen mit anderen Studien ist dieser Anteil sehr hoch. Der Grund dafür ist die hohe Anzahl der Hochbegabten in der Stichprobe von Margrit Stamm (vgl. Stamm 2005, S. 26).
Mittles Clusteranalyse wurden fünf verschiedene Typen identifiziert.

  • 23,5 % der Jugendlichen fallen in den Typ I. Diese haben hohe Intelligenzwerte und gute Schulleistungen. Geschwänzt wird in diesem Typ nur, um „Blauzumachen“. Es handelt sich also nicht um gefährdete oder risikobehaftete Schüler, sondern um aktive und leistungsstarke.
  • Schüler des Typs II blieben der Schule kaum unentschuldigt fern (43,9 %). Dabei handelt es sich um Jugendliche mit mittleren Schulleistungen und Intelligenzwerten.
  • Die regelmäßigen Schulschwänzer (8,5 %) finden sich in Typ III. Schüler und Schülerinnen dieses Typs weisen schlechte Schulleistungen und niedrige Intelligenzwerte auf.
  • 16,1 % der Jugendlichen zählen zum Typ IV. Sie vermeiden die Schule. Es handelt sich aber nur um kurzfristige Vermeidungen wegen Prüfungen oder Angst vor schlechten Noten. Jugendliche dieser Gruppe haben niedrige Intelligenzwerte, bei gleichzeitig guten Schulleistungen.
  • „Schuldistanzierte“ (7,9 %) sind im Typ V vertreten. Die hohen Intelligenzwerte und gleichzeitig unterdurchschnittlichen Schulleistungen und eine deutliche und bewusste Abgrenzung, sind typisch für diese Gruppe. Es kann sogar von einer Schulaversion gesprochen werden. (vgl. Stamm 2005, S. 27-28)

Margrit Stamm (2005) stellte fest, dass die Schullaufbahnen der verschiedenen Typen sehr unterschiedlich verlaufen. Während Typ I und Typ II positiv und Typ III negativ konstant blieben, waren die Typen IV und V von „deutlicher Abwärtsmobilität“ (Stamm 2005, S. 28) geprägt (vlg. Stamm 2005, S. 28).
Durch die Studie wird widerlegt, dass Intelligenz ausschließlich negativ mit Schulabsentismus zusammenhängt. Die so genannten Blaumacher haben ein sehr „hohes intellektuelles Profil“ (Stamm 2005, S. 30). Sie betrachten Schulversäumnisse als Variation ihrer Autonomie und Selbstständigkeit, deshalb gehören sie nicht zur Risikogruppe schulabsenter Jugendlicher. Jedoch machen sie auf mögliche strukturelle Probleme der Schule aufmerksam. Die Distanzierten sind auch überdurchschnittlich begabt. Sie dagegen reagieren mit Schulaversion, die häufig aus früheren Schulverweigerungserfahrungen, mit der ein deutlicher Leistungsabfall einherging, resultiert. Schulverweigerung kann daher tatsächlich eine selbstschädigende Strategie sein (vlg. Stamm 2005, S. 30-31).
Zusätzlich lässt die Studie auf Grund der starken Besetzung von Typ I und Typ II darauf schließen, dass Schulschwänzen nicht das Sympton eines dissozialen, und Schulverweigerung nicht das einer emotionalen Störung ist (vlg. Stamm 2005, S. 30-31).

Verwendete Literatur
Stamm M. (2005). Hochbegabung und Schulabsentismus. Theoretische Überlegungen und empirische Befunde zu einer ungewöhnlichen Liaison. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 52,  20-32.




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