Gibt es den Problemschüler?

„Eigentlich sind alle Schülerinnen und Schüler schwierig. Mindestens zeitweise. Und einige immer. Als da zum Beispiel wären: die Dauerstörer und die allzu Braven, die Schulverweigerer und die unterprivilegierten Jungen, die Essgestörten und die Minderleister, die Schulverweigerer und die Hochbegabten, die robusten Materialisten und die Dyskalkulie-Opfer (…) Und die Normalos sind erst recht verdächtig, denn schon morgen können sie ganz anders daherkommen“ (Geisler& Kalb, 2003, S.7). Meist bleibt im Dunkeln was hinter störenden Verhaltensweisen steckt. Es soll nicht immer darum gehen, Schüler und Schülerinnen bei der Stange zu halten, sondern den Blick dafür erweitern, was hinter diesen Verhaltensweisen steckt. Mögliche Gründe zu finden und nach Möglichkeiten zur Bewältigung suchen sollte das Ziel sein. Eine mögliche Erklärung der Auffälligkeiten ist der allgemeine Wertewandel (vgl. Geisler & Kalb, 2003, S.7).
„Die Autoren der letzten Shell-Studie konstatieren bei den Jugendlichen Veränderungen: sie seien politikfernen, selbstbezogener, rücksichtsloser geworden als die Schülergenerationen zuvor“ (Geisler & Kalb, 2003, S.7).
Hochbegabte Kinder beziehungsweise Jugendliche haben oft Probleme mit der Lerngeschwindigkeit im Unterricht, der Dauer-Unterforderung eines langen Schultags. Häufig wird diese Hochbegabung nicht erkannt und oft misslingt die Integration in der Klasse. Oftmals ist die Größe der Klassen ein Problem, auf Grund dessen manche Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten reagieren um wahrgenommen zu werden. Laut Shell-Studie gibt es zwei Gruppen von Jugendlichen: die robusten Materialisten und die pragmatischen Idealisten. Sie zeigen in ihren Wertorientierungen ein Abbild unserer gesellschaftlichen Entwicklung. Dies ist ein wichtiger Hintergrund für die Arbeit mit Problemschülern. Die meisten Lehrer glauben ihre Schüler recht genau zu kennen, allerdings wandeln sich Orientierungen und Wertvorstellungen in der Jugendphase am schnellsten. Wichtig um mit den Schülern arbeiten zu können ist es zu wissen wie sie ihre Welt sehen. ganz besonders gilt dies für die Arbeit mit schwierigen Schülern. Deshalb ist es wichtig ein präzises Bild  der Lebensbedingungen und Sichtweisen der Jugendlichen zu erstellen (vgl. Geisler & Kalb, 2003, S. 9).
Die gegenwärtige Generation Jugendlicher hat einen Wertewandel vollzogen: Nicht Rebellion ist angesagt sondern pragmatische Orientierungen. Fleiß und Sicherheit stehen hoch im Kurs, gleichzeitig streben Jugendlich auch nach Freiheit, Unabhängigkeit und Kreativität (vgl. Geisler & Kalb, 2003, S. 9). Wertorientierungen gelten als die Parameter, die bestimmen, was für ein  Individuum wichtig ist, welche Lebensziele angestrebt werden“ (Geisler & Kalb, 2003, S. 9). Weiters wichtig für die Jugendlichen sind postmaterialistische Werte und soziales Engagement. Laut Shell-Studie gibt es verschiedene Gruppen von Jugendlichen, die „zögerlichen Unauffälligen“, die mit den Leistungsanforderungen in Schule und Beruf eher weniger gut zurechtkommen, und eher skeptisch ihre persönliche Zukunft sehen. Weiters die Gruppe der „Unauffälligen“, die kaum Engagement zeigen und sich passiv ihrem Schicksal ergeben. Die „selbstbewussten Macher“, die sich vor allem durch Ehrgeiz, Fleiß und Leistungsbereitschaft auszeichnen, die „pragmatischen  Idealisten“ und die Gruppe der „robusten Materialisten“. Letztere stammen vorwiegend aus den unteren sozialen Schichten und kommen mit den Leistungsanforderungen kaum oder gar nicht zurecht. Vielfach haben sie keinen Schulabschluss und wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Auf diese Perspektivlosigkeit reagieren sie meist resignierend, können aber auch aggressives und gewalttätiges Verhalten zeigen, weil sie glauben sich nur dadurch Macht und Respekt verschaffen zu können (vgl. Geisler & Kalb, 2003, S. 10).
„Die Ergebnisse der 14. Shell-Jugendstudie zeichnen somit das Bild einer neuen Generation, die weder eine „Null-Bock“-Fraktion noch ideologisch vernagelt ist, sondern ihre Werte zielorientiert formuliert und pragmatisch mit ihnen umgehen will. Dennoch birgt der gegenseitige Wertecocktail, den die Jugendlichen in den Befragungen aufwiesen, sicherlich viel Spannungspotential“ (Geisler & Kalb, 2003, S. 10). Die Studie hat gezeigt, dass die Wertorientierungen von Jugendlichen in nicht unerheblichem Maße mit ihrem sozialen Hintergrund zusammenhängt. In  einer von Unwegbarkeiten geprägten Zeit treten konservative Wertorientierungen wie Partner und Familie in den Vordergrund. Die verstärkte Konkurrenz, etwa um Arbeitsplätze führt bei dem einen zu mehr Leistungsbereitschaft, bei anderen zur  Resignation. Oftmals spielt auch hier der soziale Hintergrund und die Bildungsqualifikation eine wichtige Rolle (vgl. Geisler & Kalb, 2003, S. 10).
„Es wird deutlich, dass die Wertorientierungen der Jugendlichen ein Abbild gesellschaftlicher Entwicklung sind – und dass nicht alles an diesem Fortschritt wünschenswert ist“ (Geisler& Kalb, 2003, S. 12).

Literatur
Geisler, W. & Kalb, P. (2003). Themenschwerpunkt Problemschüler. Pädagogik, 55, 6- 14.




Eine Reaktion zu “Gibt es den Problemschüler?”

  1. Franz Josef Neffe

    Gibt es Problemlehrer? Problemschulräte? Problemprofessoren? Problemminister? Es ist müßig, nach Problemschülern zu fragen. PRO-BLEMA ist (griech.) der BALL, den uns das Leben vor (PRO) die Füße spielt, damit wir weiter im Spiel sind. Mehr ist Pro-BLEM nicht.
    In der neuen Ich-kann-Schule sind Probleme einfach die Lebensaufgaben, an denen sich die Kräfte bewähren und an denen man wachsen und reifen wird. Als Ich-kann-Schule-Lehrer haben die TALENTE VORRANG vor der Person für mich. Wenn sich einer für einen Dummkopf hält, setze ich für seine Talente dagegen. Mag auch die Dummheit noch etwas wachsen, am Ende wachsen doch die Kräfte, die Talente. Und sie tun das unaufhaltsam, wenn ich ihnen zu essen gebe: dem Gentlemantalent ebenso wie dem Rechtschreibtalent. Die Pädagogik hat völlig übersehen, dass nicht nur der Körper Hunger hat sondern auch Seele und Geist. Denen bleibt gar nichts anderes übrig, als durch Auffälligkeiten auf sich aufmerksam zu machen, wenn alle sie vergessen. Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

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