Gestaltungsprinzipien multimedialer Lernumgebungen

Der Trend zur individualisierten Bildung wird durch die neuen Medien nachhaltig gefördert, denn Menschen, die auf Selftutoring setzen, können sich schon jetzt maßgeschneidertes Wissen etwa mittels „How to“-Videos auf Youtube oder in „Webinaren“ aneignen. Das traditionelle Bildungskonzept von „One size fits all“ rückt dabei immer mehr in den Hintergrund, d. h., der Wissbegierige pickt sich die Rosinen aus dem Wissenskuchen, statt Bildung von der Stange zu kaufen. Daher wird die Wissensvermittlung in selbst zusammenstellbaren Modulen vor allem im Bereich der Aus- und Weiterbildung verstärkt an Bedeutung gewinnen. Derzeit werden in den USA die „Massive Open Online Courses“ – Massenvorlesungen im Netz – immer populärer, sodass sich eine neue Klientel und neue Zielgruppen für Bildung gewinnen lassen, weil etwa allfällige Restriktionen durch mangelnde Mobilität oder zeitliche Einschränkungen durch starre Termine online nicht mehr gegeben sind. Lernen ist aber in hohem Maße auch ein sozialer und emotionaler Prozess, bei dem Vernetzung, Atmosphäre und Interaktion bedeutsam sind. Zwar können Facebook, Twitter oder Weblogs ergänzend einspringen und räumliche Distanz überbrücken, den persönlichen Kontakt und die Gruppendynamik einer Präsenzveranstaltung können sie aber nur bedingt ersetzen. Gerade beim Lernen profitiert man vom Miteinander und vom Klima, also dem Biotop in dem Wissen vermittelt wird. Bei der Organisation von Lernprozessen geht es vorrangig auch darum, einen Ort zu schaffen, an dem Lernen Spaß macht, also einen Ort, an dem der Lernende nicht als Objekt, Nummer oder IP-Adresse, sondern als Individuum betrachtet wird (Höllinger, 2013).

Mandl, Gruber & Renkl (1994) haben fünf Kriterien definiert, die bei der Konstruktion sowie der Bewertung computerbasierter Lernumgebungen zugrunde gelegt werden können:

Realitätsnähe wird durch eine Annäherung zwischen den Anforderungen, Problemstellungen und Situationen erreicht, die in der beruflichen Tätigkeit auftreten können und in der Lernumgebung modelliert werden. Authentische und komplexe Problemsituationen regen aufgrund ihres Realitätsbezugs und beruflichen Relevanz Lernprozesse an. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass das erworbene Wissen auch außerhalb der Lernumgebung angewendet werden kann. In der Praxis kann dieseAnforderung durch interessante und aktuelle Problemstellungen der Alltags- bzw. Berufswelt der Lernenden erfüllt werden.

Durch die Problemorientierung können sich die Lerner auch neue Kenntnisse einer möglichen Anwendung des Wissens aneignen. Die Erarbeitung des Wissens erfolgt durch die Bearbeitung komplexer Probleme und deren Lösung. Diese Vorgehensweise fördert das Erkennen, Definieren und Strukturieren von Problemen in der täglichen Praxis. Leitfragen für die Überprüfung einer ausreichenden Lebensnähe der Aufgabenstellung sind dabei:

  • Wird eine Lebenssituation aus dem (Berufs-) Alltag des Lerners dargestellt?
  • Entspricht die Problemsituation den Erfordernissen des (Berufs-) Alltags?
  • Hat die Problemstellung subjektive Relevanz für den Lerner /die Lernerin?

Bei der Individualisierung des Lernens wird auf das unterschiedliche Vorwissen der Lernenden,
die subjektiven Wissensstrukturen sowie den persönlichen Such- und Erkundungsprozess eingegangen. Die Anknüpfung der zu lernenden Inhalte an bereits vorhandenes Wissen ist ein wesentlicher Faktor. Außerdem müssen Lerngegenstand und Problemstellung für den Lerner subjektive Relevanz besitzen. Für eine Individualisierung des Lernprozesses lassen sich folgende Leitfragen formulieren:

  • Werden dem Lerner /der Lernerin ganz unterschiedliche (multiple) Wissensangebote gemacht,
  • aus denen er sowohl inhaltlich als auch bezüglich der Präsentationsform auswählen kann?
  • Hat die Problemstellung subjektive Relevanz für den Lerner /die Lernerin?
  • Werden unterschiedliche Perspektiven eröffnet?
  • Bietet die Lernsituation dem Lerner /der Lernerin Identifikationsmöglichkeiten?
  • Können Lernende den Lernprozess selbst gestalten?
  • Welche Entscheidungen können die Lernenden im Lernprozess selbst treffen?

Der Lernende soll Wissen entdecken, und im Gegensatz zur direkten Instruktion wird den Lernenden eine aktive Rolle zugestanden. Diese aktive Rolle erfordert Selbststeuerung und detzt voraus, dass die Lernenden ihr eigenes Vorgehen kritisch reflektieren. Für die Lernumgebung stellt sich deshalb die Frage, ob sie Möglichkeiten bieten, das eigene Handeln zu reflektieren und Einsichten in die eigenen (Lern-) Fähigkeiten zu gewinnen. Die aktive Rolle der Lernenden kann vor allem am Grad der Interaktion abgelesen werden. „Interaktivität lässt sich als abgeleiteter Begriff verstehen, der in Bezug auf Computersysteme die Eigenschaften von Software beschreibt, die dem Benutzer eine Reihe von Eingriffs- und Steuerungsmöglichkeiten eröffnet. Als Steuerungsinteraktionen zählen Navigations- und Systemfunktionen, wie z.B. Speichern von Daten, Abspielen von Videos, Aufrufen von Informationen, Wechseln in verschiedene Module. Zu einer didaktisch orientierten Interaktion zählen dagegen Feedbacks oder Frage-Antwort-Kategorien. Konkrete Merkmale der Interaktivität sind

  • Die Möglichkeit des Zugriffs auf bestimmte Informationen und das Auswählen von Information
  • Geschlossene Antwortmöglichkeiten (Ja/Nein) oder Multiple-Choice Fragen
  • Das Markieren bestimmter Informationsteile und Aktivieren entsprechender Zusatzinformationen
  • Der freie Eintrag von Antworten auf komplexe Fragestellungen mit intelligentem tutoriellem
  • Feedback bzw. freier ungebundener Dialog mit einem Tutor und den Lernpartnern /-innen.

Die Interaktivität gewährleistet die Individualisierung des Lernens, indem der Benutzer Bausteine auswählen und bestimmte Lerninhalte gezielt aufrufen kann. Dadurch kann der Lerner sein Vorgehen selbst nach Interesse oder aktuellem Bedarf gestalten. Zur Selbststeuerung gehört auch, dass der Lerner jederzeit aus dem Programm bzw. aus der Lernumgebung aussteigen kann.

Bei der adaptiven instruktionalen Unterstützung geht es um das Ausmaß an Instruktion, welche dem Lerner zum einen genügend Freiraum für individuelle Konstruktionsprozesse lässt und andererseits bei Bedarf entsprechende Hilfestellungen anbietet. In welcher Form und in welchem Ausmaß das Feedback erfolgen sollte, hängt von den Lernzielen und von den individuellen Lernvoraussetzungen ab. Insbesondere Vorwissen und motivationale Einstellungen stehen dabei im Mittelpunkt. Beide Faktoren können durch die Gestaltung der Lernumgebungen beeinflusst werden.

Literatur
Höllinger, V. (2013). Warum die Zukunft nicht allein nur E-Learning ist. Der Standard vom 4. Jänner 2014.
Mandl, H., Gruber, H. & Renkl, A. (1995). Situiertes Lernen in multimedialen Lernumgebungen. In J. L. Issing & P. Klimsa (Hrsg.), Information und Lernen mit Multimedia (S. 167-178). Weinheim, Beltz.




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