Fibel führt zu besseren Rechtschreibleistungen als andere Methoden

Das lange übliche Fibel-Lernen ist in den Grundschulen vor allem vom Lesen durch Schreiben nahezu verdängt worden, wobei es von Anfang an Kritik daran gab, auf diese Methode zu verzichten. Die Idee am Lesen durch Schreibe war, dass Schüler möglichst viel frei schreiben und das Lesen dabei mitlernen sollen. Korrekturen falsch geschriebener Wörter waren aus dieser Perspektive heraus unerwünscht, da diese die Kinder demotivieren könnte, eine positive Beziehung zu Sprache und Schrift zu entwickeln.

In einer Untersuchung (Kuhl & Röhr-Sendlmeier, 2018) verglich man nun die Rechtschreibleistungen von Kindern, die mit drei unterschiedlichen Methoden das Schreiben erlernt haben.

  • Der „systematische Fibelansatz“ führt schrittweise einzelne Buchstaben und Wörter ein. Gesprochene Wörter werden unter Anleitung in Einzellaute zerlegt und jeder Laut einem Buchstaben zugeordnet. Fibeln sind so aufgebaut, dass die Kinder die Schriftsprache in einem fest vorgegebenen, strukturierten Ablauf vom Einfachen zum Komplexen erlernen und einen schriftsprachlichen Grundwortschatz aufbauen. Hilfestellungen und Korrekturen durch die Lehrperson gehören dazu.
  • Beim Ansatz „Lesen durch Schreiben“ werden Kinder angehalten, möglichst viel frei zu schreiben – das Lesen soll über das Schreiben mitgelernt werden. Korrekturen falsch geschriebener Wörter sollen unterbleiben, da so die Schreibmotivation der Kinder beeinträchtigt würde.
  • Auch die „Rechtschreibwerkstatt“ gibt den Schülern keine feste Abfolge einzelner Lernschritte vor, sondern stellt lediglich Materialien zur Verfügung, die die Kinder selbstständig in individueller Reihenfolge und ohne zeitliche Vorgaben bearbeiten.

Man teste die Erstklässler kurz nach der Einschulung auf ihre Vorkenntnisse und nachfolgend an fünf weiteren Terminen bis zum Ende des dritten Schuljahres mit der Hamburger Schreib-Probe. Sie erfasst als Standardverfahren die Rechtschreibleistungen von Schülern in Form eines Diktats. Die Fibelgruppe hat sich gegenüber den beiden anderen Didaktikgruppen als überlegen erwiesen, denn zu allen fünf Messzeitpunkten haben die Fibelkinder bessere Rechtschreibleistungen erbracht. So machten Kinder, die mit „Lesen durch Schreiben“ unterrichtet wurden, am Ende der vierten Klasse im Schnitt 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler als Fibelkinder, in der „Rechtschreibwerkstatt“ unterliefen den Schülern sogar 105 Prozent mehr Rechtschreibfehler als Fibelkindern.

Die Studienergebnisse weisen nach Ansicht der Autoren klar darauf hin, dass alle Kinder gleichermaßen vom Einsatz einer Fibel im Unterricht profitieren, wobei sich die Überlegenheit des Fibelansatzes sowohl bei Kindern mit deutscher Muttersprache als auch mit anderen früh erlernten Sprachen zeigte. Das liegt nicht zuletzt daran, dass das Fibel-Lernen regelgeleitet ist, strukturiert aufeinander aufbaut und auf Übungsphasen setzt.


In der Schweiz im Kanton Nidwalden verbannt man 2018 das lautgetreue Schreiben ab der 2. Klasse aus den Schulzimmern, obwohl der für alle Deutschschweizer Kantone geltende Lehrplan 21 eigentlich vorsieht, dass die Lehrer erst ab der 3. Klasse in der Schriftsprache auf Korrektheit pochen. Bildungsdirektor Res Schmid sagt, es brauche einen grossen Aufwand, wenn die Schülerinnen und Schüler zwei Jahre lang orthografisch falsch schreiben dürften und dann ab der 3. Klasse die Fehler, die sich verstetigt hätten, korrigiert werden müssten. Es ist der Rechtschreibung nicht dienlich, wenn man zu spät damit beginnt.

Auch in Hamburg und Baden-Württemberg ist es mittlerweile untersagt, nach Lesen durch Schreiben zu unterrichten.


Siehe dazu auch unser Lernposter Deutsche Rechtschreibung

Literatur

Kuhl, T. & Röhr-Sendlmeier, U. M. (2018). Der Verlauf des Rechtschreib-Lernens – drei Didaktiken und ihre Auswirkungen auf Orthographie und Motivation in der Grundschule. Vortrag und Posterpräsentation auf dem 4. Dortmunder Symposium der Empirischen Bildungsforschung (TU Dortmund), 04.-05. Juli 2018.








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