Brain-Based Learning and Teaching

Renate Caine (2006) hat unter dem Titel „Brain-Based Learning and Teaching“ angeblich neueste Forschungsergebnisse aus den unterschiedlichsten Bereichen der Gehirnforschung in zwölf plakative und für PädagogInnen und LehrerInnen verständliche Lernprinzipien zusammengefasst, wobei man sich nun vorstellen muss, dass alle diese Prozesse beim Lernen gleichzeitig ablaufen (nach Arnold, 2006):

  • Prinzip 1: Lernen ist physiologisch.
  • Prinzip 2: Das Gehirn ist sozial.
  • Prinzip 3: Die Suche nach Sinn ist angeboren.
  • Prinzip 4: Die Suche nach Sinn geschieht durch die Bildung von (neuronalen) Mustern.
  • Prinzip 5: Emotionen sind für die Musterbildung wichtig.
  • Prinzip 6: Das Gehirn verarbeitet Teile und das Ganze gleichzeitig.
  • Prinzip 7: Zum Lernen gehört sowohl die gerichtete Aufmerksamkeit als auch die periphere Wahrnehmung.
  • Prinzip 8: Lernen ist sowohl bewusst als auch unbewusst.
  • Prinzip 9: Es gibt mindestens zwei Arten von Gedächtnis. Die eine ist die Speicherung und Archivierung von isolierten Fakten, Fertigkeiten und Abläufen, die andere ist die gleichzeitige Aktivierung vielfältiger Systeme, um Erfahrungen sinnvoll zu verarbeiten.
  • Prinzip 10: Lernen ist entwicklungsbedingt.
  • Prinzip 11: Komplexes Lernen wird durch Herausforderung gefördert und durch Angst und Bedrohung verhindert, was mit Hilflosigkeit und Erschöpfung begleitet ist.
  • Prinzip 12: Jedes Gehirn ist einzigartig.

Ergänzt werden diese Prinzipien der Neurodidaktik durch triviale Aussagen wie „Das Gehirn ist nicht darauf angelegt, Einzelinformationen, sondern Konzepte und übergeordnete Zusammenhänge zu erfassen, die es dann flexibel in neuen Situationen anwenden kann“, „Das Gehirn nimmt ständig über die Sinne wahr, verarbeitet, speichert, beobachtet und reagiert auf ankommende Informationen von innen und aussen. Dadurch entwickelt es sich immer weiter und höher“, „Lernen ist erst dann sinnvoll, wenn es wie im alltäglichen Leben in eine Erfahrung eingebettet ist“, „Lernen findet in einer ständigen Umsetzung des Gelernten in neuen Kontexten statt“ oder „Informationsverarbeitung aus der Sicht des Gehirns läuft in einer kontinuierlichen, aufeinander aufbauenden Abfolge von Wahrnehmung, Entscheidung, Verarbeitung, Handlung und Feedback ab“.

Diese angeblich aus der neuesten Gehirnforschung abgeleiteten Prinzipien sind bei genauerer Betrachtung schon lange in der Psychologie bekannte Erkenntnisse, wie Menschen lernen bzw. wie sie im Laufe ihres Lebens auf natürliche Weise Erfahrungen und Wissensinhalte sammeln. Die meisten dieser Prinzipien sind mehr oder minder trivial. Diese Zusammenstellung von Prinzipien beweist, wie sehr es der Neurowissenschaft gelungen ist, das „Rad des Lernens“ neu zu erfinden. Damit ist Caine jedoch nicht allein, denn auch in deutschen Landen gehen Gehirnforscher landauf landab, um ihre bahnbrechenden Erkenntnisse zum menschlichen Lernen unter die Menschen zu bringen. Für einen Psychologen ist es faszinierend zu beobachten, dass heute schon der Hinweis genügt, dass es sich um ein Forschungsergebnis der Gehirnforschung handelt, um den meist trivialen Inhalten einen wissenschaftlichen Gehalt zu verleihen. Kurioserweise nähert man sich in solchen Arbeiten einem Reduktionismus (Gehirn=Mensch), den man in der Psychologie nicht einmal in den Anfängen ernsthaft vertreten hat
Ich empfehle allen „Neuro-Gläubigen“, sich einmal mit den Grundlagen der Psychologie auseinanderzusetzen, wie sie in jedem Lehrbuch der Psychologie zu finden sind.

Quellen
Arnold, Margret (2006). Brain-Based Learning and Teaching – Prinzipien und Elemente. In Herrmann, U. (Hrsg.), Neurodidaktik (S. 145 – 158). Weinheim und Basel: Beltz.
Caine, Renate & Caine, Geoffrey (1997). Education on the Edge of Possibility. Alexandria VA.






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