Bildung und Familie: Lernen in Institutionen und in sozialen Beziehungen

Gemeinsame Tagung der DGS-Sektionen
„Bildung und Erziehung“ und „Familiensoziologie“
Lüneburg, 8. bis 9.Juni 2007

Dass der Schule als Ort der Bildung keine Monopolstellung zukommt, sondern eine Reihe weiterer Lern- und Bildungsorte maßgeblich am menschlichen Bildungsprozess beteiligt sind, ist eine Einsicht, die in jüngster Zeit vor allem in der Diskussion um informelles Ler-nen eine wichtige Rolle spielt. Neben den Bildungsinstitutionen wie Schule, Hochschule oder Weiterbildungseinrichtungen rücken damit auch außerinstitutionelle Lernorte in den Blick. Dies gilt insbesondere für die Familie. Das hier vermittelte und angeeignete Human-vermögen stellt – wie nicht zuletzt die PISA-Studie gezeigt hat – die wichtigste Vorausset-zung und wirksamste Grundlage der lebenslangen Bildungsprozesse eines Menschen dar.
Auch der Wissenschaftliche Beirat für Familienfragen (2002) hat in seinem Gutachten ge-fordert, die von den Familien erbrachten Bildungsleistungen als originäre Investitionsleis-tungen in das Humanvermögen und damit in die Bildung eines Menschen ernst zu neh-men und die Familie als grundlegende Bildungsinstitution anzuerkennen. Dabei spielen nicht nur die im Familienrahmen realisierten Vorbereitungs-, Begleit- und Unterstützungs-leistungen für die Lernprozesse in Bildungsinstitutionen eine Rolle, sondern es interessie-ren mehr noch die eigenständigen, über Zulieferfunktionen hinausgehenden familialen Bil-dungsleistungen und die Rahmenbedingungen, unter denen sie im Alltag erbracht oder auch be- oder verhindert werden. Die Familie als Ort der Weitergabe „kulturellen Kapitals“ bezieht sich dabei allerdings keinesfalls nur auf die heranwachsende Generation: Alle Mit-glieder, also auch die Eltern- und Großelterngeneration, sind im Rahmen der kulturellen Austauschprozesse Gebende und Nehmende. So wird z.B. im Bereich der neuen Medien nicht nur von einer Relativierung der Erfahrungsvorsprünge der Älteren, sondern sogar von einer „Umkehrung des Expertentums“ im generationalen Gefüge gesprochen. Außer-dem geraten Familienkompetenzen in den Blick, die im Rahmen von Familientätigkeiten vor allem von Müttern erworben und potentiell für die eigene berufliche Entwicklung nutz-bar gemacht werden können.
Von besonderem Interesse sind in diesem Zusammenhang auch die Veränderungen, die sich vor dem Hintergrund des fortschreitenden demographischen Wandels abzeichnen, wobei vor allem der Rückgang der Geburtenrate und – damit einhergehend – der Rückgang der Mehrkindfamilien und die Verlängerung der Lebenserwartung eine wichtige Rolle spie-len. Diese Entwicklungen führen dazu, dass die Familie als wechselseitig aufeinander be-zogenes Geflecht verschiedener Generationen zunehmend stärker von vertikalen Famili-enbeziehungen (Kinder, Eltern, Grosseltern) geprägt ist, während horizontale Familienbe-ziehungen (Geschwister, Tanten, Onkel usw.) zurückgehen, was in dem Begriff der „Boh-nenstangenfamilie“ veranschaulicht wird. Angesichts einer verlängerten gemeinsamen Lebenszeit von Großeltern und Enkelkindern ist dabei auch nach der Bedeutung der Großeltern für die kultur- und bildungsbezogenen Austauschprozessen in der Familie zu fragen. Mit dem demographischen Wandel werden aber auch infrastrukturelle Ressourcen, wie an Schließungen von Schulen bzw. Zusammenlegungen unterschiedlicher Schultypen in den neuen Bundesländern zu sehen ist, verändert.
Im Zentrum der gemeinsamen Sektionstagung stehen die Bildungsbedeutsamkeit der Fa-milie und die Frage, wie diese sowohl im Zusammenspiel mit institutionellen als auch mit außerinstitutionellen Bildungskontexten ihre bildungsbiographiegestaltenden Kräfte entfal-tet. Darüber hinaus ist von Interesse, in welcher Weise die demographischen Verschie-bungen in den Bildungsort Familie hineinwirken, Optionen verändern und neuartige bil-dungsbezogene Gelegenheitsstrukturen schaffen.
Wir freuen uns auf theoretische und empirische Beiträge, die die vielfältigen Querverbin-dungen der Forschungsbereiche „Familie – Bildung – demographischer Wandel“ analysie-ren:
• Familie als Bildungsort: Welche Bildungsleistungen erbringen Familienmitglieder in ihrem gemeinsamen Alltag und wie lässt sich ihre Qualität näher bestimmen? Worauf gründet sich die Besonderheit des Bildungsorts Familie im Vergleich zu an-deren lebensweltlichen Lernarrangements? Welchen – womöglich eigenständigen – Beitrag leistet die Familie bei der Reproduktion sozialer Ungleichheit?
• Zusammenspiel von Familie und Bildungsinstitutionen: Was bedeutet die An-erkennung und Aufwertung der Familie als Lern- und Bildungsort für Bildungsein-richtungen? Zwischen den lebensweltlichen Formen des Bildungs- und Wissenser-werbs und den institutionellen Lernarrangements verläuft häufig ein Bruch, der für die Lernenden in milieuspezifisch unterschiedlicher Weise mit Akkulturationspro-zessen verbunden ist. Welche Anforderungen ergeben sich daraus für das Bil-dungs- und Erziehungswesen? Wie kann in deren Einrichtungen an die familial ge-prägten lebensweltlichen Bildungsprozesse insbesondere benachteiligter und un-terprivilegierter Milieus angeschlossen werden?
• Familie in wechselseitiger Beziehung zu informellen Lern- und Bildungsorten: In welchem Verhältnis steht die Familie zu anderen außerinstitutionellen Lernorten? Neben den Gleichaltrigen- und Freundschaftsgruppen kommen hier nachbarschaft-lich-lokale Strukturen und (pädagogisch betreute oder nicht betreute) Freizeit- und Gesellungsorte in den Blick, ebenso wie das non-formale Lernen z.B. durch Partizi-pation an Kursen eines Sportvereins und an Wettkämpfen.
• Verschiebungen des intergenerationalen Gefüges: Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels ist zu fragen, inwiefern die Großelterngeneration zu ei-ner zunehmend wichtiger werdenden Bezugsgröße für Familien wird, und wie sich dies realisiert. Was bedeutet es für die innerfamiliale Beziehungsstruktur, wenn ver-tikale Familienbeziehungen gegenüber horizontalen an Relevanz gewinnen? Kor-respondieren solche Konstellationen mit Mustern sozialer Ungleichheit?
• Familienstruktur und Bildungserfolg: In Anbetracht von Pluralisierung und ab-nehmender Stabilität privater Lebensformen stellt sich die Frage nach möglichen Unterschieden für Bildungszugänge und –erfolge zwischen Lebensformen.
• Bildung – informelles Lernen – Kompetenz – Sozialisation: In der einschlägigen Literatur werden die genannten Modi der Weitergabe und Aneignung nahezu syn-onym verwendet. Um die Vielfältigkeit von Lern- und Bildungsprozessen genauer bestimmen zu können, sind theoretische Begriffsklärungen notwendig. Für die em-pirische Forschung ergibt sich die Frage nach einer differenzierten Operationalisie-rung. Aber auch die Leistung der Zusammenführung und Verarbeitung von Lern-prozessen an unterschiedlichen Lernorten in einer Person, die in dem alten Begriff der Sozialisation thematisiert war, ist eine Diskussion wert.

Veranstaltungsort ist Lüneburg, 8. bis 9.Juni 2007
Vortragsangebote mit einem maximal zweiseitigen Abstract möglichst per E-Mail bitte bis zum 28. Februar 2007 an:

Dr. Angelika Tölke
Deutsches Jugendinstitut e.V.
Nockherstr. 2
81541 München
toelke@dji.de
oder

Dr. Anna Brake
Lehrstuhl für Soziologie
der Universität Augsburg
Universitätsstraße 6
86159 Augsburg
anna.brake@bildungssoziologie.de




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